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Bauch über Kopf: Leichter Entscheidungen treffen

Intuitiv entscheiden? Warum Sie öfter auf Ihr Bauchgefühl hören sollten

Steht eine Entscheidung an, wägen wir meist rational die Vor- und Nachteile ab und blenden unsere Intuition aus. Dabei hilft sie uns, gute Entscheidungen zu treffen und erfolgreich zu sein. Warum es sich lohnt, öfter auf sein Bauchgefühl zu hören.

Wenn Gerd Gigerenzer nicht mehr weiter weiß, wirft er eine Münze. Jede Seite steht für eine Entscheidungsalternative, doch auf das Ergebnis kommt es dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin gar nicht an. „Noch während die Münze in der Luft ist, spürt man den Wunsch, dass eine bestimmte Seite oben liegt – und schon hat man seine Entscheidung“, rät er. Ein simpler Trick, um seine innere Stimme besser zu hören. Damit kennt der Psychologie-Professor sich aus: Die Intelligenz des Unbewussten ist sein Forschungsschwerpunkt, er hat zahlreiche Bücher über Intuition geschrieben und ein Institut für Entscheidungsfindung mitbegründet. Seine wichtigste Erkenntnis? Intuition wird in unserer Gesellschaft chronisch unterschätzt.
Tatsächlich genießt unser Bauchgefühl im Alltag nicht den besten Ruf. Wer wichtige Entscheidungen treffen muss, verlässt sich lieber auf den Verstand, wägt Argumente ab, kalkuliert und analysiert. Logik ist unsere Lieblingsstrategie, um Probleme zu lösen. „Wir sind kulturell so geprägt“, erklärt der Intuitionsforscher Professor Tilmann Betsch von der Universität Erfurt. Wir stützen uns gerne auf das Rationale und sind stolz auf unseren Verstand, der uns vom Tier unterscheidet und bewusstes Handeln ermöglicht. Dinge hingegen, die unbewusst ablaufen, blenden wir gerne aus – weil wir sie schlechter verstehen und wahrnehmen. „Intuition hat jeder Mensch, aber keiner kann sie so richtig in Worte fassen“, sagt Betsch. Kein Wunder, dass es in vielen Bereichen verpönt ist, auf sein Bauchgefühl zu hören. Wer das tut, wird schnell als willkürlich oder zu emotional abgestempelt. Intuition als Schlüsselqualifikation für Führungskräfte? Als Grundlage für wichtige Entscheidungen? Als Motivation für eine Geldanlage? Kaum denkbar.

Intuition: Jeder hat sie, keiner kann sie erklären

Doch nur weil Intuition schwer greifbar ist, macht sie das nicht unwichtig. Im Gegenteil: „Sie ist genauso wertvoll wie unser Verstand. Das Intuitive und das Analytische ergänzen sich gegenseitig“, sagt Betsch. Um zu verstehen, warum die Intuition zu Unrecht im Schatten des Verstandes steht, hilft es, sich zwei Dinge zu verdeutlichen: Zum einen hätten wir im Alltag keine Chance, ohne unser Bauchgefühl zu bestehen. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass wir jeden Tag rund 20.000 Entscheidungen treffen, die meisten davon blitzschnell: Marmelade oder Honig? Überholen oder warten? Beiger oder schwarzer Pullover? Die Einladung zu einem Drink annehmen oder ausschlagen? Würden wir über solche Dinge strategisch nachdenken, wäre der Tag vorbei, noch ehe wir einen Fuß aus der Tür gesetzt hätten. „Intuition verleiht uns die Fähigkeit, schnell und mühelos viele Informationen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen“, sagt Professor Betsch.

Zum anderen ist Intuition keineswegs willkürlich, unerklärlich oder gar wundersam. Sie speist sich aus unserem Langzeitgedächtnis und greift dabei in Sekundenbruchteilen auf alle Erfahrungen, Wahrnehmungen, Empfindungen und Eindrücke zurück, die wir in unserem Leben gesammelt haben. Der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen konnte zeigen, dass unser Unterbewusstsein pro Sekunde einige Millionen Informationen verarbeiten kann, wohingegen das Bewusstsein in der gleichen Zeit nur 0,1 Prozent schafft. Eine beeindruckende Leistung, die mit dem berühmten „Bauchgefühl“ eigentlich nichts zu tun hat. „Intuition ist eindeutig im Gehirn zu verorten und eine kognitive Leistung. Der Begriff Bauchgefühl ist daher etwas irreführend“, sagt Betsch. Natürlich spielten Gefühle eine Rolle, aber unser Unterbewusstsein verfüge eben auch über einen riesigen Fundus aus Erfahrung, Wissen und Kompetenz. Wer um diese Fähigkeiten weiß, tut sich einfacher damit, der eigenen Intuition mehr zu trauen.

Intuition als innerer Autopilot zur Entscheidungsfindung

Für die komplexe Zeit, in der wir leben, hat das viele Vorteile. Echtzeitkommunikation, Zeitdruck, flache Hierarchien und schnelle Entscheidungswege prägen schon jetzt unsere Arbeitswelt. Die Zeiten, in denen man sich vor Entscheidungen erst einmal Bedenkzeit nehmen konnte, sind längst vorbei. Hier kann Intuition zu einer Art innerem Autopilot avancieren und dabei helfen, Entscheidungen zu vereinfachen und qualitativ zu verbessern. Sie haben das Gefühl, ein Projekt entwickelt sich in die falsche Richtung? Sprechen Sie es an. Ihre Intuition warnt Sie, eine Beförderung anzunehmen? Prüfen Sie die Umstände und lehnen Sie im Zweifel ab. Sie spüren, dass es Zeit für einen Jobwechsel ist? Bereiten Sie diesen Schritt vor.
Studien zeigen übrigens, dass unsere Intuition umso besser funktioniert, desto erfahrener wir auf einem Gebiet sind. Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer etwa hat Manager aus Dax-Unternehmen befragt, wie oft Intuition ihre Entscheidungen beeinflusse. Keiner antwortete mit „nie“. Drei Viertel der Spitzenmanager eines großen Autokonzerns sagten sogar, sie täten das meistens. Das ist kein Zufall: Führungskräfte sind oft mit vielen widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Ihre auf Erfahrung basierende Intuition hilft ihnen in solchen Fällen, eine Entscheidung zu treffen. Auch erfahrene Chirurgen fällen oft intuitiv schnelle Entschlüsse, die auf ihrem Erfahrungsschatz basieren. Der US-Psychologe Herbert Simon konnte zeigen, woran das liegt: Am Beispiel von Schachmeistern wies er nach, dass diese nur fünf Sekunden brauchen, um sich die Stellung ihrer Figuren im Spiel einzuprägen und die Partie intuitiv fortzuführen. Diese Fähigkeit beruht auf Tausenden gespielten und analysierten Partien und lässt sich auf zahlreiche Berufe übertragen.

Entscheidungen treffen: Wer sich rechtfertigen muss, entscheidet anders

Einen Haken hat das allerdings: Versuche zeigen, dass Menschen sich anders entscheiden, wenn sie wissen, dass sie sich später dafür rechtfertigen müssen. „Wenn etwas schiefgeht, argumentiert man hinterher lieber mit Fakten als mit Gefühlen“, sagt Betsch. So entstehe auch das Phänomen der Delegation: „Wir geben Entscheidungen ab, damit wir nicht die Verantwortung für ihre Konsequenzen übernehmen müssen“, so der Psychologe. Seiner Ansicht nach täte es unserer Gesellschaft insgesamt gut, diesen Trend wieder etwas einzuschränken. Das käme uns auch ganz persönlich zugute: Studien zeigen nämlich, dass Menschen, die sich auf ihre Intuition verlassen, optimistischer und weniger ängstlich sind, eine bessere Selbstachtung haben und zufriedener sind mit ihrem Leben.
Doch allen Vorteilen der Intuition zum Trotz: „Im Alltag handeln wir meist nach der Devise: ‚Je wichtiger das Problem, desto mehr muss man darüber nachdenken.’“, sagt Betsch. Daran ist nicht immer etwas auszusetzen, schließlich ist Intuition nicht wichtiger als Verstand. Aber es geht um die richtige Balance. Während wir den Verstand überbewerten, unterschätzen wir unsere Intuition. Ein kleiner Trick kann helfen, sie auch in komplexe Entscheidungen einzubeziehen: Abstand. Egal, ob in Form einer Pause, eines Spaziergangs, eines Überschlafens für eine Nacht oder einem Abend mit Freunden. „Es ist in Ordnung, erstmal rational die Optionen einer Entscheidung zu sortieren“, sagt Betsch, „aber danach sollte man sich auf seine Ziele besinnen und erstmal Abstand gewinnen“, rät er. Die Zeit, in der wir nicht strategisch an ein Problem herangehen, gibt unserem Unterbewusstsein Zeit für seinen großen Auftritt. Etwas Distanz verschafft uns oft erstaunliche Klarheit. Eben ein untrügliches Gefühl dafür, ob der Jobwechsel sinnvoll, die Anlage gut, der Partner der richtige ist. Und wenn nicht, kann man es immer noch machen wie Gerd Gigerenzer und eine Münze werfen, ohne das Ergebnis abzuwarten.
Veröffentlicht: 15.06.2016  

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