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17.06.2015

Mensch, ärgere dich!

Wut ist eine starke Emotion, die viel bewegen und Situationen verbessern kann. Wer seinen Ärger deutlich zum Ausdruck bringt und dabei trotzdem Herr der Lage bleibt, erreicht in der Regel viel Gutes.

Bei Kindern sind Wutausbrüche intuitiv. Ob im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder zu Hause: Wenn es nicht so läuft, wie sie gerade wollen, werfen sie sich einfach zu Boden oder brüllen nach Leibeskräften. Sie lassen ihrer Wut freien Lauf. Obwohl solche Situationen an den Nerven der Eltern zerren, haben wir bei den ganz Kleinen doch Verständnis für heftige Gefühlsausbrüche. Wir wissen, dass sie ihre Grenzen austesten und sich im Leben erst noch zurechtfinden müssen. Mit uns selbst sind wir da weniger nachsichtig. Wut ist in unserer Gesellschaft eine verpönte Emotion, die wir nach Kräften unterdrücken und herunterschlucken. Sie wird allgemein als Zeichen der Schwäche interpretiert oder als Beweis dafür, dass man sich und seine Gefühle nicht im Griff hat.
Klar, Brüllattacken und Sich-auf-den-Boden-schmeißen sind für Erwachsene peinlich und keine Option. Trotzdem finden Experten, dass wir unseren Ärger ruhig häufiger und deutlicher zeigen sollten – weil uns das gesünder und unser Zusammenleben letztlich harmonischer machen würde. „Wut ist ein evolutionärer Mechanismus, den wir in uns tragen. Sie hat den Sinn, sich mit einer Situation auseinanderzusetzen, die sich falsch anfühlt. Deshalb lässt sie sich auch nicht mit ein paar oberflächlichen Benimmregeln ausmerzen“, sagt die Linzer Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner.
Heruntergezogene Augenbrauen, zusammengekniffene Augen, Zornesfalten über der Nasenwurzel: Insgesamt sieben Muskeln sind an einem wütenden Gesichtsausdruck beteiligt – der sieht übrigens in allen Kulturen gleich aus.
Der Umgang mit unseren Gefühlen wird in den ersten Lebensjahren geprägt. Wir schauen uns von unseren Eltern und anderen Vorbildern ab, wie sie ihre Emotionen zeigen. Das uns angeborene Temperament spielt ebenfalls eine Rolle dabei, wie wir unsere Wut als Erwachsene zeigen: Ein impulsiver Mensch wird schneller aus der Haut fahren als ein introvertierter. Hinzu kommt, dass jeder einen eigenen Bewertungsmaßstab hat. Die einen besitzen ein dickes Fell und stecken es locker weg, wenn der Chef brüllt oder die Freundin nörgelt. Für andere ist schon eine unbedachte Bemerkung ein Affront. Die Ursachen für Zorn sind individuell verschieden – und vielleicht oft berechtigt.

Doch viele schaffen es nicht, ihren Ärger in Maßen zu zeigen und einfach klar auszusprechen, was sie gerade stört. Stattdessen fressen sie ihre Wut in sich hinein oder explodieren förmlich. Manchmal wird aus der Wut dann sogar Aggression. Der Unterschied? „Wut ist eine Emotion, die sich nicht gut anfühlt, deren Funktion aber gesund und lebenswichtig ist”, erklärt Heidi Kastner. Aggression hingegen sei ein Verhalten, das sich gegen andere richtet. „Wut ist im Grunde ein Frühwarnsystem, damit wir uns nicht in Situationen begeben, in denen wir uns selbst oder anderen schaden”, so die Expertin. Umso wichtiger, dass wir erkennen lernen, wann die Wut in uns keimt – „denn wenn man bereits auf 180 ist, hat man den Punkt, an dem man noch vernünftig reagieren kann, bereits überschritten”, sagt die Linzer Psychiaterin.

Wut weist auf Unangenehmes hin

Wut ist ein Zeichen von Abwehr und Verteidigung. Sie schützt davor, sich verletzlich und verwundbar zu fühlen, kann aber auch viel über grundlegende Probleme und Gefühle verraten – und das wollen wir oft unbedingt vermeiden. Psychiaterin Heidi Kastner sagt dazu: „Wut ist verpönt, weil sie auf etwas Unangenehmes hinweist, etwa Eifersucht oder Neid. Die Ablehnung des Gefühls hat außerdem mit unserer hedonistischen und egoistischen Haltung zu tun, dass einem nur Nettes, Liebes und Freundliches begegnen soll. Aber so läuft es im Leben nun mal nicht“, erklärt Kastner. Die Österreicherin hat ein Buch zum Thema geschrieben, das unter dem Titel „Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl“ erschienen ist und aus dem Ärger darüber entstand, „dass unsere Gesellschaft so eine professionelle ‚Aufhübscherei’ betreibt. Alle haben schön, fit und nett zu sein und immer alles richtig zu machen. Aber die hässlichen Seiten des Menschseins gehören nun mal dazu.“
Blind vor Wut? Das ist tatsächlich so: Ein Forscherteam der Universität von Toronto konnte nachweisen, dass der sogenannte visuelle Cortex im Gehirn nur eingeschränkt arbeitet, wenn wir in Rage sind. Ergebnis: der Tunnelblick.
Für Heidi Kastner ist Wut ein Teil ihres Alltags, sie beurteilt vor Gericht die Psyche von Gewaltverbrechern und ist Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz. Aus ihrer Arbeit weiß sie zu gut, dass Menschen nicht aus geradem, sondern oft sehr krummen Holz geschnitzt sind. Den Ärger hinter einer wohltemperierten Fassade zu verbergen, sorgt am Ende meistens nur dafür, dass er im Körper hängen bleibt. Das Problem bleibt ungelöst – und das reizt nur noch mehr: Den Magen, die Haut, das Herz. Wer seine Wut allzu oft herunterschluckt, schadet damit seiner Gesundheit. Besonders dem Herz setzt unterdrückte Wut zu, wie eine Studie des Stress Research Institutes der Universität Stockholm zeigt. In der zehn Jahre laufenden Untersuchung wurde festgestellt, dass Teilnehmer, die ihren Ärger häufig verdrängten, ein doppelt so hohes Risiko für Herzkrankheiten haben – bis hin zum Tod durch Herzinfarkt.

Dauerfrust bringt aber auch mentalen Stress mit sich: Wer immer nur duldsam schweigt, neigt laut der American Psychological Association zu passiv-aggressivem Verhalten oder zu einer zynischen und feindseligen Persönlichkeit. Man entwickelt eine destruktive Grundhaltung mit der Neigung, permanent alles zu kritisieren und andere herunter zu machen. Heidi Kastner spricht in diesem Kontext von einer „chronischen Verbitterungsstörung”, bei der Betroffene nicht mehr mit Kränkungen fertigwerden. „Das sind oft sehr banale und alltägliche Ereignisse. Aber jeder hat nun mal seine persönliche Belastungsgrenze”, so die Wut-Expertin.

Wut zeigen, aber bitte in Maßen

Das Gefühl völlig ungehemmt auszuleben, kann allerdings auch schädliche Folgen haben. Einer Meta-Studie von US-Forschern zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen intensiven negativen Emotionen und dem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Für die Untersuchung wurden neun Studien aus den Jahren 1966 bis 2013 ausgewertet, welche die Herzgesundheit von Patienten mit Hang zu heftigen Wutausbrüchen dokumentieren. Die Auswertung der Wissenschaftler zeigt, dass bereits kurze Attacken von psychischem Stress in Form von Wutausbrüchen erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben. So steigt in den zwei Stunden nach einem Wutanfall das Risiko für einen Herzinfarkt um nahezu das Fünffache an.
Wie kann es überhaupt so weit kommen, dass wir wütend werden? Wut hat viel damit zu tun, dass wir uns persönlich angegriffen fühlen, dass unsere Ziele blockiert oder unsere Bedürfnisse übergangen werden. Aus dieser Perspektive ist es verständlich, dass Kinder schreien, wenn es im Supermarkt kein Eis gibt oder sie nicht länger auf dem Spielplatz bleiben dürfen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und ohnmächtig. In solchen Momenten ist es wichtig, dass man ihnen das Gefühl lässt, Empathie zeigt und sie sogar ein bisschen unterstützt: „Ich verstehe deinen Ärger, ich würde auch weinen. Es ist wirklich sehr schade, aber gerade nicht zu ändern“, könnten die Eltern zum Trost sagen. Auf diese Weise vermittelt man dem Kind, dass es in Ordnung ist, sauer zu sein und es trotzdem notwendige Grenzen gibt. Nur Schimpfen bringt also nichts, stattdessen sollte man Verständnis für die kindlichen Emotionen zeigen. Forscher der Fakultät für Bildung und Erziehung an der Stanford Universität haben herausgefunden, dass sich Kinder, mit denen generell wenig oder gar nicht geschimpft wird, besser benehmen als solche, die ständig gemaßregelt werden. Verständnis und Anteilnahme produzierten bei ersteren ein Verhalten, das von Ausgeglichenheit und Einfühlsamkeit geprägt war.
Vielleicht könnte diese gelassene Herangehensweise auch eine streitbelastete Beziehung oder einen cholerischen Chef in ruhigere Bahnen lenken. Wie aber können Erwachsene die Wut runter- und das Einfühlungsvermögen hochfahren? Wie lässt sich ein Mittelweg zwischen Wutanfall und Herunterschlucken finden? Der Standardrat von Experten lautet, kurz aus der Situation herauszugehen, einmal um den Block zu laufen. Oder eine Nacht darüber zu schlafen und Sport zu treiben. Mit solchen Tipps sollte man aber vorsichtig sein. Sie sind situationsbedingt nicht immer praktikabel und schüren die physische Erregung oft nur weiter, warnt Brad Bushman, Professor für Psychologie und Kommunikation an der Ohio State Universität: „Wenn die Wut hochkocht, pumpt das Herz schneller, der Blutdruck und die Muskelspannung steigen. Der Körper schüttet die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Das ist nicht sehr hilfreich, wenn man sich eigentlich beruhigen will.“
Wut wirkt gut – aber offenbar nur bei Männern: Amerikanische Psychologen haben herausgefunden, dass Männer, die ihren Ärger im Job zeigen, als kompetent beurteilt werden. Frauen hingegen wurden als übertrieben emotional eingestuft
Wenn man spürt, dass die persönliche Toleranzgrenze überschritten wurde, ist der bessere Weg innezuhalten, ein paar Mal tief durchzuatmen und dann bis zehn oder sogar hundert zu zählen, um den Ärger auf ein mittleres Niveau zu bringen. „Das erfordert viel Selbstdisziplin. Aber der gezielte und überlegte Einsatz von Wut ist der Königsweg“, so Professor Peter Falkai, Direktor der Münchner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitglied in unserem medizinischen Beirat. Hat man das Gefühl auf diese Weise etwas reguliert, kann man zur Kollegin gehen und ihr sagen: „Mich ärgert, dass du mir das nicht vor der Besprechung mitgeteilt hast.“ Oder für den Partner ein paar deutliche Worte finden: „Hier läuft etwas schief und mir reicht das jetzt. Ich finde, du solltest auch von dir aus die Spülmaschine ausräumen oder vorschlagen, dass du mit dem Kind zum Arzt gehst.” Das stößt den anderen möglicherweise vor den Kopf, aber es tut ihm nicht weh. Und sorgt für klare Verhältnisse. „Gelingt es uns, unsere Wut konstruktiv einzusetzen, kann diese Emotion viel bewegen. Menschen können mit einer gesunden Wut die Dinge häufig viel klarer, prägnanter und überzeugender rüberbringen“, bestärkt Professor Falkai.
Wer den Königsweg eingeschlagen hat, kann sich – sobald die Wut sich ein wenig gelegt hat – außerdem zwei Fragen stellen: Was läuft falsch, dass ich so wütend bin und was brauche ich, um das zu ändern? Möglicherweise hat man im Job insgesamt zu viel Verantwortung und zu wenig Entlastung oder Anerkennung. Oder man braucht neben Familie, Haushalt und Job mehr Zeit für sich. Die Wut wird dann zu dem, was sie im besten Fall ist: Ein Antrieb, um Situationen, die nicht mehr funktionieren, zu ändern.

Perspektivwechsel fördert Verständnis

Eine weitere Lösung könnte laut dem US-Psychologen Brad Bushman das „Reframing“ sein, bei dem das Problem mit etwas Abstand und einem kühlen Kopf neu bewertet wird. Oft steht uns schlicht unsere Deutung des Geschehens im Weg: Mein Mann schätzt mich nicht genug, sonst würde er mir jetzt helfen. Alle glauben, dass sie es mit mir machen können. Das Kind macht das doch jetzt mit Absicht. Wenn wir unsere negativen Gedanken daraufhin überprüfen, ob sie richtig und angemessen sind, kann das der Wut den Wind aus den Segeln nehmen. „Das Effektivste ist“, so Wut-Expertin Heidi Kastner, „sich gedanklich in die Schuhe des anderen zu stellen. Da sieht man plötzlich alles Mögliche.“ Zum Beispiel, dass sich der Chef selbst unter Druck setzt. Dass die blöde Bemerkung der Freundin keine persönliche Attacke, sondern ein Ausdruck ihrer eigenen Erschöpfung war. Schon sieht die Welt wieder anders aus. Vielleicht verwandelt sich der Ärger sogar in Verständnis und Mitgefühl. Das ist aber nur dann möglich, wenn wir bereit sind, an uns zu arbeiten und zu wachsen. „Die Wut“, schreibt Heidi Kastner im Nachwort zu ihrem Buch, „hat viele Funktionen, sie vermittelt klare Grenzen, befreit von der Spannung, die aus Kränkung entsteht, vermittelt uns selbst präzise Einsichten in unsere Schwachstellen und fordert uns auf zu Veränderung, entweder an uns selbst oder an unseren Lebensumständen. Sie fordert und fördert Lebendigkeit.“
 

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