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10.12.2014

Öfter mal was Neues

Neugier ist der Schlüssel, um die Welt zu entdecken und sich selbst. Leider kommt sie uns oft im Laufe des Lebens abhanden. Wer sein Interesse an Unbekanntem durch bewusstes Training bewahrt, wird nicht nur klüger, sondern auch glücklicher und erfolgreicher.

Kleine Kinder fragen dauernd: Was ist das? Was machst du? Sie müssen unbedingt auch mal bäuchlings die Rutsche herunterrutschen, Mamas Handtasche ausräumen, Papas Schreibtischschubladen durchsuchen und auf dem Heimweg vor jeder Blume und jedem Stein stehen bleiben. Anstrengend. Und manchmal überaus anregend, die Welt mit ihren großen Augen zu sehen.
Als Erwachsene gehen wir mit unserer Neugier anders um. Vorsichtiger, diplomatischer, effizienter. Doch auch wir stellen Fragen, investieren Zeit in Unbekanntes und gehen Wagnisse ein, wenn uns etwas interessiert. Neugier ist uns angeboren, eine Art Urinstinkt, wichtig zur Erforschung des eigenen Ichs und der Welt. Für Neugierige fühlt sich das Leben manchmal wie ein Besuch in einem Feinkostladen an, in dem es nicht 50 Sorten Schokolade gibt, sondern gefühlt 500. Welche ist nun die leckerste? Da kann schon mal eine halbe Stunde vergehen, um das herauszufinden. Oder ein halbes Leben.

Ein wichtiger Schlüssel zum Glück

Was da wohl im Päckchen steckt? An Weihnachten sind alle neugierig, was sich unter dem Geschenkpapier verbirgt. Im Alltag aber haben Kinder die Nase vorn: Für sie ist Neugier selbstverständlich. Erwachsene hingegen müssen sich schon ein wenig anstrengen, um nicht in Routinen zu verfallen.
Ganz gleich, wie lange man sich mit dem Neuen beschäftigt: „Neugier ist ein wichtiger Schlüssel zum Glück“, sagt Professor Dr. Peter Falkai, Direktor der Münchner LMU-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitglied in unserem medizinischen Beirat. „Wenn sie uns packt, schüttet eine Gruppe von Nervenzellen einen Cocktail glücklich machender Botenstoffe aus, darunter Adrenalin, Dopamin und Endorphine.“

Der Hormonschub macht nicht nur gute Laune. Er verändert unser Denken, weil frische neuronale Netzwerke und Verschaltungen im Gehirn geknüpft werden. Und das bringt uns in vielerlei Hinsicht weiter. „Mithilfe der Neugier nimmt der Intelligenzquotient um ein bis zwei Prozent zu, unser Denken wird differenzierter“, so der Experte.

Bei Kindern laufen diese Prozesse ganz automatisch ab. Und bei uns Erwachsenen? Wenn wir ein neues Buch lesen, eine Kunstausstellung besuchen oder am Wochenende eine unbekannte Wanderstrecke erkunden, weitet das unweigerlich unseren Horizont und stärkt unsere Kreativität. Die Verknüpfungen in unserem Gehirn sind also nicht genetisch vorbestimmt, sondern von uns beeinflussbar und entwickeln sich je nachdem, wie und womit wir uns beschäftigen.

Neugier als Tür zu fremden Welten

Glückliche „Potenzialentfalter“, kann man da nur sagen. So bezeichnet der Hirnforscher Gerald Hüther Menschen, die gerne Neues ausprobieren. In seinem Buch „Wer wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher“ grenzt er sie von sogenannten „Ressourcenausnutzern“ ab, die in Alltagsroutinen verharren und den Großteil ihrer Zeit mit Dingen verbringen, die ihnen schon lange keinen Spaß mehr machen. Das kann Ihnen nicht passieren?
Doch, kann: Im Laufe des Lebens werden wir leider bequem und unflexibel. „Es hat mit den Kapazitäten im Kopf zu tun, wenn wir immer weniger bereit sind, offen und neugierig zu sein“, sagt Professor Falkai. Das ist durchaus verständlich: Das Gehirn verarbeitet täglich Millionen von Informationen. Und sich auf Neues einzulassen, ist anstrengend. Würden wir ständig jeden Handgriff anders machen wollen, bliebe keine Energie mehr übrig für die wirklich wichtigen Dinge wie Job, Partnerschaft und Familienleben.
Gefährlich wird die Routine erst dann, wenn wir aufhören, bestimmte Handlungen zu hinterfragen: Zum Beispiel, dass wir seit Jahren Freunde treffen, mit denen wir eigentlich nicht mehr viel gemeinsam haben. Oder dass wir uns jede Woche zum Tennis aufraffen, obwohl es uns eigentlich reizt, Yoga zu lernen. Routinen, die wir aus purer Gewohnheit beibehalten, sind Gift für unsere Neugier. Lässt man sich hingegen auf Veränderungen ein, ist das ein mentaler Türöffner zu anderen Welten. Außerdem bietet Neugierde die Chance, den eigenen Körper immer besser kennenzulernen. Denn auch der verändert sich, wenn wir etwa einen neuen Sport beginnen oder einen Tanzkurs besuchen. Schlicht deshalb, weil Bewegungs- und Verhaltensmuster angepasst werden müssen. „Der gesamte Organismus ist aktiv, der Körper wird durchblutet, die Muskeln arbeiten“, erklärt Professor Falkai. „Deshalb empfehle ich immer, wenn sich jemand weiterentwickeln will: Bewegen Sie sich!“

Offensive vs. defensive Neugier

Unbeweglichkeit beobachtet der Unternehmensphilosoph Dominic Veken leider viel zu oft. In Cafés und Restaurants fällt sie ihm besonders auf. „Die Menschen starren heute nur noch in ihre Handys aus Angst, den Anschluss zu verpassen. Mit dieser defensiven Neugier entziehen sich die meisten der realen Situation. Wer dagegen offensiv neugierig ist, beweist Mut und Verletzlichkeit. Er lässt Situationen offen auf sich zukommen.“ Vielleicht einfach mal die nett aussehende Person am Nebentisch ansprechen? Warum nicht. Der Lohn besteht darin, dass wir lernen, unsere Ängste auszuhalten und immer geschickter mit Dingen umzugehen, mit denen das Leben uns herausfordert.
Diese Fähigkeit kann gerade im Job sehr nützlich sein. Hier regiert ebenfalls die defensive Neugier, so Veken, bei der wir unsere wahren Gedanken und Impulse verbergen – „weil wir ständig unseren Nutzen beweisen müssen“. Manchmal zeigen wir unsere Nützlichkeit aber gerade dann, wenn wir uns trauen, eine unkonventionelle Idee vorzubringen oder scheinbar dumme Fragen zu stellen. Denn: „Um wirklich innovativ und schneller als die anderen zu sein, brauchen Unternehmen Mitarbeiter, die manchmal unbequem und unangepasst sind.“

Voraussetzung für Neugier: echtes Interesse

Offen für Neues bleiben: Das Kochen mit fremden Gewürzen und bisher unbekannten Zutaten kann für kulinarische Überraschungen sorgen.
Die Voraussetzung für so viel Beherztheit ist, echtes Interesse an dem zu haben, was man tut. Und da machen wir uns oft viel vor. Psychologen empfehlen deshalb, auf einer Skala von eins bis zehn einzuordnen, wie wichtig einem eine Sache wirklich ist. Eins für nicht wichtig, acht für sehr wichtig, zehn für total wichtig. Bin ich noch richtig in der Werbebranche, obwohl ich vom Bücherschreiben träume? Jogge ich nur noch aus Pflichtbewusstsein oder weil es mir wirklich Spaß macht?

Die Antworten dürften mit Sicherheit beim Loslassen helfen, um neue Chancen zu ergreifen, wenn sie sich bieten. „Damit wir wirklich in unserem Element sind, müssen wir erst einmal Verschiedenes ausprobieren“, sagt Dominic Veken. „Und ohne Neugierde finden wir gar nicht erst zu den Dingen, die uns erfüllen.“

Das bestätigt der amerikanische Psychologieprofessor Todd Kashdan von der George Mason University, der sich in seinen Studien ausgiebig mit der Neugier beschäftigt hat. Er fand heraus, dass Probanden, die mit Haut und Haaren bei einer Sache waren und immer wieder neue Seiten daran entdeckten, auf lange Sicht mehr Lebenszufriedenheit erfuhren als weniger engagierte Zeitgenossen. Seine Schlussfolgerung: „Während nicht sehr neugierige Menschen zu einem hedonistischen Verhalten in Form von Sex, Ausgehen und Trinken neigen, finden die anderen mehr Glück und Sinn in dem, was sie mit Interesse und Leidenschaft tun.“

Neugier lässt sich trainieren

Natürlich lässt sich die Neugier nicht erzwingen. „Introvertierte Menschen können nicht so leicht über ihren Schatten springen wie extrovertierte“, sagt Peter Falkai. „Aber der Charakter ist nicht in Stein gemeißelt. Er kann sich durch bewusstes Training entwickeln.“ Davon ist der britische Gesundheitspsychologe Professor Ben Fletcher von der Uni Hertfordshire überzeugt. Er bringt Mitarbeiter in Unternehmen bei, ihr Verhalten und damit auch die Welt ein Stück weit zu verändern („Behaviour Change Programm“).
Seine Vorschläge klingen kinderleicht, man muss nur erst einmal darauf kommen: Warum nicht eine Zeitung kaufen, die man normalerweise nie kaufen würde? Eine unbekannte Musikrichtung hören? Die Kleidung mal ungewohnt kombinieren? Eine Woche weder Fernseher noch Radio anschalten, um die Stille bewusst wahrzunehmen?
Für Professor Falkai hat Neugier sowieso viel mit Achtsamkeit zu tun. „Wir vergessen, dass wir das Neue in vertrauten Dingen suchen können, zum Beispiel im gewohnten Familienalltag oder unserem langjährigen Partner. Wenn wir immer wieder mit neuen, neugierigen Augen auf die Dinge schauen, kreieren wir ein erfüllendes Leben.“
 
 

Video-Interview: „Neugier ist wie ein Motor für das Gehirn“

Warum ist Neugier so wichtig für uns? Und was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir neugierig sind? Professor Falkai erklärt im Video-Interview, wieso wir von Natur aus wissbegierig sind – und was man tun kann, damit dieser Urtrieb auch als Erwachsener anhält.

Im Interview: Unser Experte in Sachen Neugier

Sind Sie neugierig? Gut so. Professor Peter Falkai erklärt, warum wir mit unserer Wissbegierde über uns selbst hinauswachsen können.

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