Zukunftsweisend: Smarte Wohnungen für eine lange Selbstständigkeit im Alter

Am Fraunhofer-Institut in Duisburg tüfteln Forscher an intelligenten Möbeln, um Pflegebedürftigen ihren Wunsch erfüllen zu können, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen. Was wie Science Fiction klingt, könnte unser Pflegesystem revolutionieren.

Morgens kommt Anton Meyer in letzter Zeit nur schwer in die Gänge. Wenn der 81-Jährige aufsteht, fühlt er sich oft müde und verspannt. Sein Bett arbeitet gerade daran, den Grund dafür herauszufinden: In der Matratze integrierte Sensoren dokumentieren seinen unruhigen Schlaf, sein Pflegedienst wird die Daten später überprüfen. Jetzt aber geht es erst mal ins Bad. Noch etwas schlaftrunken tappst Herr Meyer durch den Flur. Dabei werden seine Schritte von Sensoren im Teppichboden überwacht.
Im Falle eines Sturzes alarmieren sie automatisch seinen Pflegedienst. Im Bad angekommen zeigt ein Blick in den Spiegel Herrn Meyer nicht nur sein Gesicht, sondern über eine spezielle Anzeige auch sein Gewicht, seine Blutdruck- und Zuckerwerte. Ganz in Ordnung sind diese nicht. Wo sind nur seine Tabletten? Der Rentner mit Pflegestufe 1 muss nicht lange suchen, eine Schublade im Regal leuchtet hell auf und weist ihm so den Weg. Die Technik registriert, dass er sowohl die Schublade als auch seine Pillendose öffnet. Ein Hinweis für den Pflegedienst, dass er an seine Medikamente gedacht hat.

Alles andere als Science Fiction

Anton Meyer gibt es nicht. Die Technik aber, die seine Wohnung smart und sicher macht, schon. „Was für viele nach Science Fiction klingt, ist technisch heutzutage problemlos machbar“, sagt Levent Gözüyasli, Informatiker und Projektleiter am Duisburger Fraunhofer-Institut für mikroelektronische Schaltungen und Systeme. Dort werden seit 1992 im Auftrag von Pflegediensten, Industrie und Politik technische Assistenzsysteme entwickelt, die hilfsbedürftigen Menschen im Alltag zur Seite stehen. Das könnte die Zukunft der Pflege nachhaltig verändern, denn die Einsatzmöglichkeiten der Technik sind enorm: Da gibt es Betten, die sich bei Sturzgefahr automatisch senken, Toiletten mit integrierter Intimpflege und Matratzen, die registrieren, ob und wie oft jemand nachts aufsteht. Kehrt man nach einem nächtlichen Toilettengang zum Beispiel nicht ins Bett zurück, löst die Technik nach einer individuell festgelegten Zeit einen Alarm aus – schließlich könnte ein Sturz die Ursache sein.
Auch außerhalb des Schlafzimmers gibt es viele Einsatzmöglichkeiten: Im Wohnzimmer zum Beispiel melden in Sofas oder Sesseln versteckte Sensoren, ob und wie lange sich jemand hinsetzt. Und in der Küche verhindern Zeitschaltuhren ein Überhitzen von Herdplatten, weil sie sich nach einer bestimmten Zeit selbst ausschalten. „Diese Technik wird gerne in Demenz-Wohngemeinschaften genutzt“, erklärt Gözüyasli. Ihr Vorteil: Sie schafft Sicherheit und bewahrt gleichzeitig die Eigenständigkeit der Bewohner. Auch Bewegungsmelder lassen sich in der Küche sinnvoll nutzen: An der Kühlschranktür angebracht, liefern sie Hinweise darauf, ob ein Bewohner regelmäßig isst und trinkt. Natürlich würde eine Videokamera ähnliche Ergebnisse liefern – doch wer will schon das Gefühl haben, ständig überwacht zu werden?
„Wir achten bei der Entwicklung sehr auf die Akzeptanz bei den Pflegebedürftigen, sonst macht die beste Technik keinen Sinn“, betont Gözüyasli. Bevor sie loslegen, informieren sich die Forscher deshalb bei Experten aus dem Pflegebereich über die häufigsten Probleme in der Praxis. Dann entwickeln sie technische Lösungen und testen diese in Modellwohnungen. Dort werden die Sensoren alltagstauglich gemacht und optimiert.
Dabei haben die Forscher herausgefunden, dass etwa ein piepsender Kühlschrank die meisten Menschen einfach nervt, während ein blinkender ihre Aufmerksamkeit erregt und daran erinnert, etwas zu essen. „Wir wollen die Technik zum Menschen bringen und nicht umgekehrt“, so der Informatiker. Dabei kommt den Forschern zugute, dass wir alle feste Gewohnheiten haben. „Je genauer man den Alltag einer Person kennt, desto besser kann man die Assistenzsysteme darauf abstimmen und wertvolle Daten gewinnen.“ Diese zeigen, ob alles wie gewohnt abläuft: Hat die Oma wie jeden Sonntag Tatort geschaut? Hat sie nach dem Spaziergang die Haustür zugesperrt? Hat sie an ihre Blutdruckmittel gedacht? Alle Informationen werden vor Ort gesammelt, ausgewertet und an eine bestimmte Person geschickt. Das kann die besorgte Tochter sein, die in einer anderen Stadt wohnt und wissen will, ob alles in Ordnung ist, der Nachbar, der bereit ist, im Notfall einzuspringen. Oder ein ambulanter Pflegedienst, dem so die Arbeit erleichtert wird. Basispakete mit derartigen Sensoren, die oft leicht selbst zu installieren sind, gibt es mittlerweile ab etwa 1.000 Euro im Handel.

Eigenständigkeit entlastet das Pflegesystem

Das mag auf den ersten Blick teuer erscheinen, doch wer eine private Pflegetagegeldversicherung hat, kann die Leistung daraus zum Beispiel für das genannte Basispaket verwenden.* Außerdem ließe sich mit technischen Helfern langfristig Geld sparen. Gesundheitsökonomen rechnen vor, dass durch den Einsatz von Technik die Unterbringung in Pflegeheimen verzögert oder vermieden wird. Eine 2014 vom Bundesgesundheitsministerium beauftragte Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. „Das Pflegesystem könnte entlastet und der Mangel an Pflegekräften zumindest teilweise kompensiert werden“, bestätigt Levent Gözüyasli.
Mobile Aufstehhilfen, gesammelte medizinische Daten oder elektronische Medikamentenboxen, die Patienten an die Einnahme von Arzneien erinnern und bei der Dosierung helfen, unterstützen aber nicht nur Pfleger, sondern auch Angehörige, die sich zu Hause um pflegebedürftige Familienmitglieder kümmern.
Hier kommt ein wichtiger Aspekt ins Spiel: Umfragen zeigen, dass 93 Prozent der Deutschen so lange wie möglich zu Hause leben wollen. Ein Platz im Pflegeheim hingegen ist für die meisten eine Notlösung. Natürlich kann die Technik keine persönliche Zuwendung ersetzen – sie aber so ergänzen, dass die ambulante Pflege angenehmer wird.
So müssen Pfleger sich zum Beispiel nicht mit Untersuchungen wie Blutdruckmessen aufhalten, weil die Daten ohnehin vorliegen, und es bleibt mehr Zeit für eine Unterhaltung. Außerdem sind die Angehörigen beruhigt, denn sie können sich darauf verlassen, im Notfall informiert zu werden. Eine mit intelligenten Sensoren ausgestattete Wohnung sieht dann vielleicht so aus wie diejenige von Anton Meyer; und sie wird einem Anspruch gerecht, den der Forscher des Fraunhofer-Institutes so formuliert: „Unsere Technik ermöglicht es hilfsbedürftigen Menschen, ihre Eigenständigkeit möglichst lange zu bewahren und trotzdem nicht auf sich alleine gestellt zu sein.“
* Die private und die gesetzliche Pflegepflichtversicherung erstatten die Kosten für diese Geräte derzeit nicht.

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