• „Trotz Krankheit eine möglichst gute Zeit haben“ - Zum würdevollen Umgang mit Demenzkranken

    „Trotz Krankheit eine möglichst gute Zeit haben“

    Experteninterview: Psychologin Sandra Dick zum würdevollen Umgang mit Demenzkranken

     
Die körperliche Ursache für Alzheimer-Demenz lässt sich bis heute erst nach dem Tod des Patienten feststellen. Was für die Betroffenen und auch die pflegenden Angehörigen aber am meisten auffällt, sind die Verhaltensstörungen, die eine Demenz beim Patienten auslöst. Dazu stellt sich eine wichtige Frage, die nicht zuletzt die Würde der von Demenz betroffenen Menschen betrifft: Wie geht es jemandem mit Alzheimer, wie erlebt er oder sie die Krankheit und die Welt?
Besser geht es den Betroffenen jedenfalls in der gewohnten Umgebung, das zeigt die Demenzforschung. Denn die zunehmenden Orientierungsprobleme der Patienten führen zu Stress, der wiederum die Gedächtnisleistung und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Wie man Betroffene sowie ihre Partner und Angehörigen unterstützen kann, möglichst lange im gewohnten Umfeld zu bleiben, untersucht Sandra Dick als Psychotherapeutin in einer Studie der Universität Potsdam von Professor Michael Rapp. Sie arbeitet als Psychotherapeutin auf einer Gerontopsychiatrischen Station und Supervisorin im Pflegeheim. Im Interview erzählt sie, wie man mit Demenzpatienten würdevoll umgeht, wie man ihnen zu mehr Wohlempfinden verhelfen kann und worauf man als pflegender Angehöriger bei sich selbst achten muss.

Welchen Stellenwert hat die Betrachtung von psychischen und Verhaltensstörungen in der Forschung zu Demenz und Alzheimer?

Zitat Sandra Dick
Sandra Dick
: Diese Ebene gewinnt immer mehr an Bedeutung. Für die Betroffenen soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem sie sich mit der Erkrankung maximal wohlfühlen. Grundsätzlich bringt die Krankheit erstmal viel Unsicherheit mit sich. Sich zu orientieren, zu kommunizieren, Einfluss auf die Umwelt zu nehmen – das wird mit Demenz schwieriger. Das Erleben und Verhalten zu fokussieren bedeutet daher, das Wohlempfinden zu verbessern. Außerdem agieren die Betroffenen in einem sozialen System: Meist werden sie durch Angehörige betreut oder auch durch Freunde und Nachbarn. Die müssen sich genauso wohlfühlen und wissen, wo sie Hilfe finden. Wenn das klappt, wirkt das positiv zurück auf den Umgang mit den Betroffenen.

Was ist so schwierig am Umgang mit Demenzpatienten? Gibt es besonders häufige Probleme?

Typische Probleme sind einerseits herausfordernde Verhaltensweisen wie aufbrausendes oder aggressives Verhalten und andererseits eher depressive Symptome – Apathie, Antriebslosigkeit, Patienten, die gar nichts mehr machen. Darüber hinaus gibt es klassische Fehlhandlungen: Zum Beispiel könnten draußen minus 20 Grad herrschen – Herr Müller möchte aber im T-Shirt auf die Straße gehen. Angehörige bringt das oft sehr durcheinander, weil sie den Betroffenen schützen wollen, der aber schnell ungehalten reagiert.

Wie geht man damit am besten um?

Einige Menschen haben einen ganz intuitiven Zugang zu Demenzpatienten, das stellen wir immer wieder fest. Das sind Menschen, die gut über einen emotionalen Kanal kommunizieren können. Dieser Affektkanal bleibt bei Demenzpatienten besonders lange erhalten. Menschen, die dort ein gutes Gespür haben – auch für sich selbst – fällt der Umgang leichter. Man kann das aber auch vermitteln.

Wie kann man einen solchen Umgang beibringen?

Zitat Naomi Feil
Es gibt dazu verschiedene therapeutische Ansätze, etwa die sogenannte Milieutherapie, die Anleitung für soziale Interaktion gibt, die emotionale Situation des Patienten klarmacht und Hinweise zur Gestaltung der Umgebung liefert. Ein weiterer Ansatz, der auf eine Verbesserung der Kommunikation abzielt, stammt von Naomi Feil und nennt sich Validation. Das bedeutet in erster Linie: Bestätigung. Es geht darum, dem Patienten in seiner Wahrnehmung der Welt zu begegnen. Denn ein Demenzpatient kann bestimmte Dinge nicht mehr, kann sich nicht erinnern, weil das dafür zuständige Gehirnareal vom Krankheitsprozess betroffen ist. Hierbei können zum einen neue Informationen nicht mehr abgerufen werden, aber auch fehlende Erinnerungen werden durch falsche ersetzt. Das lässt sich an einem Beispiel gut erklären. Ein Patient könnte beispielsweise fragen: „Wann kommt denn die Rosemarie vorbei?“ Als Angehöriger oder Pfleger weiß man aber: Rosemarie ist seit zehn Jahren tot. Wenn man daraufhin korrigiert und erklärt, dass Rosemarie tot ist, dann ist das ein bisschen so, als würde ich Ihnen ein Video zeigen, in dem Sie gegen Angelique Kerber ein Tennismatch gewinnen. Sie hätten dann vermutlich auch das Gefühl wahnsinnig zu werden, weil Sie sicher sind, dass nicht passiert ist, was im Video zu sehen ist. So ähnlich stellt sich Naomi Feil das mit den Demenzpatienten vor. Die können sich nicht erinnern, sind von den falschen Erinnerungen überzeugt und reagieren bei Korrektur unruhig, frustriert, bis hin zu aggressiv. Also schlägt sie vor, die Patienten in ihrer Wahrnehmung zu validieren. Das heißt, sich hineinzudenken in die Welt des Patienten. Um beim Beispiel zu bleiben, könnte man die Frage stellen: „Wie war es denn gestern mit Rosemarie?“ So kann man dem emotionalen Ausdruck auf die Spur kommen. Vielleicht hat der Patient eine Sehnsucht nach etwas Bekanntem? Es gilt, das hinter der Aussage liegende Bedürfnis herauszufinden. Ein solcher Umgang hat einen positiven Effekt auf Verhaltenssymptome bei Demenzpatienten.

Nun ist ja nicht nur das Verhalten gestört, sondern auch das Erleben der Patienten – kann man dazu einen Zugang finden? Gibt es dafür eine Diagnostik?

Zitat Sandra Dick
Es gibt verschiedene Erhebungsverfahren zur Erfassung von psychischen und Verhaltenssymptomen, bei den Demenzpatienten sind das im Normalfall Fremdbeurteilungsbogen. Denn häufig ist die Selbstauskunft schon gestört oder es gibt Sprachprobleme. Mit solchen Fragebögen kann mit Hilfe von Personen, die die Betroffenen gut kennen, abgeschätzt werden, wie es den Patienten geht. Darüber hinaus wissen wir, dass Demenzpatienten viel über Körpersprache kommunizieren. Die Fähigkeit über Sprache zu kommunizieren nimmt mit der Zeit ab und auch die visuelle Wahrnehmung von Gesichtern und Gesichtsausdrücken fällt schwer. Als Pfleger in der Gerontopsychiatrie ist daher ein zentraler Aspekt, wie man sich einem Patienten nähert. Mit Demenzpatienten zu arbeiten bedeutet, mit sich selbst zu arbeiten, die eigene Haltung zu überprüfen, zu schauen, wie es einem geht und was man in die Situation hineinträgt: Bin ich angespannt, habe ich mich gerade gestritten? So etwas muss einem klar sein. Genauso bringt der Betroffene viel körperlich zum Ausdruck. Wir hatten beispielsweise einen Patienten, der schwer fremdaggressiv war in der Umgebung, aus der er kam. Im Kontakt mit einer sehr erfahrenen Krankenpflegerin von unserer Station wurde er viel ruhiger und zeigte kaum noch aggressive Verhaltensweisen. Sie war in der Lage, seine Signale genau zu spüren. Dass er sehr schnell überfordert war mit bestimmten Behandlungen und dann zum Beispiel die Muskeln anspannte. Wenn man diese Signale ignoriert und weiter macht, könnte das den Patienten überfordern. Der Patient teilte hier etwas mit, über den Körper.

Kann man denn etwas tun, damit es einem Patienten gut geht?

Zitat Sandra Dick
Aus meiner Sicht ist es hilfreich, die Lebensgeschichte der Patienten zu kennen. Das hilft, wichtige Ressourcen zu entdecken, die genutzt werden können, um das Wohlbefinden zu fördern. So lässt sich auch die soziale Rolle nachvollziehen, die ein Betroffener vor der Erkrankung in seinem Leben eingenommen hat. Wiederkehrende Schwierigkeiten in der Begegnung mit anderen Menschen sind dann leichter zu verstehen. Ein Beispiel: Personen, die früher in leitenden Positionen gearbeitet haben, verhalten sich manchmal dem Personal des Pflegeheims gegenüber unangemessen – weil sie gewöhnt sind, ihrer Aufgabe nachzugehen, anderen Anweisungen zu geben. Das läuft dann automatisch ab, die Patienten können das Verhalten nicht mehr kontrollieren. Wenn man ein solches Verhalten anhand der Biografie des Patienten versteht, erleichtert es allen Beteiligten den Umgang. Auch hier kann die Validation angewendet werden: Wird die Wirklichkeit der Betroffenen genauso als wirklich anerkannt wird wie die selbst wahrgenommene, lassen sich Auslöser für herausforderndes Verhalten so gering wie möglich halten.

Was kann man als pflegender Angehöriger tun, welche Tipps können Sie geben?

Zitat Sandra Dick
Zunächst einmal gilt es, eine gute Zeit zu haben, so weit es eben geht. Manche Angehörigen machen viel zu viel. Außerdem raten wir immer wieder: Kümmern Sie sich gut um sich selbst. Mir fällt immer wieder auf, wie sehr viele Angehörige ihre Selbstfürsorge vernachlässigen. Wer selbst gestresst ist, überträgt das auf den Patienten. Andere Möglichkeiten habe ich schon angesprochen: Nicht so oft korrigieren, lieber einen Umgang finden, bei dem sich alle Beteiligten wohlfühlen können. Wenn der Patient bei minus 20 Grad im T-Shirt rausgehen möchte, dann lassen Sie ihn das tun. Nehmen Sie einen Pulli und gehen mit raus. Wenn ihm kalt wird, drücken Sie ihm den Pulli in die Hand. Es geht häufig darum, wie man in einer Situation eine gelassene Haltung entwickeln kann. Das bedeutet auch abzuwägen und kreativ zu werden. Wenn die Patientin beim Einkaufen das Falsche oder zu viel mitbringt, hilft es nicht unbedingt, das Einkaufen komplett zu verbieten. Kann man möglicherweise Bescheid sagen und ab und an etwas zurückbringen? Und ist es eigentlich wichtiger, dass ein Paket zu viel im Schrank steht oder dass man sich gemeinsam wohlfühlt? Zuletzt ist ganz wichtig: Wenn man nicht mehr kann, wenn es nicht mehr geht, sollte man sich das eingestehen. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass diese Erkrankung irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man es nicht mehr schaffen kann. Dass es dann auch in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen und auch über eine Veränderung der Betreuung nachzudenken.
Veröffentlicht am 28.09.2018

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Sandra Dick

Sandra Dick.

(Foto: Sandra Dick)

Zur Person

Sandra Dick promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie. Seit 2007 ist sie als gerontopsychiatrische Stationspsychologin an der Charité in Berlin tätig sowie in eigener Privatpraxis. Bis 2017 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Potsdam. Darüber hinaus arbeitet sie als Supervisorin im Pflegekontext, als Dozentin für Altersthemen und Suchterkrankungen an der Suchtakademie Berlin-Brandenburg, der Berliner Akademie für Psychotherapie, der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (dgvt).

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