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    Teure Pflege

    Ist Pflege in Heimen noch bezahlbar?

Für die Finanzierung einer menschenwürdigen Pflege in Heimen soll eigentlich die gesetzliche Pflegeversicherung sorgen. Doch deren Zuschüsse reichen oft nicht aus, um die sich jährlich erhöhenden Kosten für Pflegeheimplätze zu decken. Pflegebedürftige und deren Angehörige müssen darum oft selbst tief in die Tasche greifen. Hinzu kommt der Mangel an Pflegekräften. Die Kosten für Pflegeheimplätze zu erhöhen ist daher eine notwendige Reaktion, um das Pflegepersonal besser entlohnen zu können.
Der Vater von Heike M. ist dement und wurde in den Pflegegrad fünf eingestuft. Untergebracht hat ihn Heike M. in einem Pflegeheim in der Nähe ihrer Arbeit, damit sie ihn dreimal die Woche besuchen kann. Ihre Geschwister drängen jedoch, dass der Vater in ein günstigeres Pflegeheim umzieht – die seien genauso gut wie die teuren. Das nächste passende Pflegeheim liegt allerdings fast eine Stunde Fahrtzeit entfernt, Heike M. könnte ihren Vater nicht mehr so oft besuchen. Ende letzten Jahres wurde der Heimplatz des Vaters um fast 400 Euro teurer und die Forderung der Geschwister dringlicher.
Ähnlich ist die Lage im Fall von Herbert N.: Er hat sein Leben lang gespart, um sich im Ruhestand mit seiner Frau ein schönes Leben machen zu können. Vor vier Jahren musste seine Frau wegen ihrer Demenz in die vollstationäre Pflege. Dann kam 2019 der Schock: Das Heim wollte zwei neue Pflegefachkräfte einstellen, ein Heimplatz kostete infolgedessen 540 Euro mehr pro Monat. Das Ersparte von Herbert N. ist dadurch bald aufgebraucht. Das Sozialamt könnte ihm helfen, doch „betteln gehen“, so sagt er, will Herbert N. nicht.

Heime erhöhen ihre Preise, um Personal einstellen und bezahlen zu können

Wie Heike M. und Herbert N. geht es vielen Pflegebedürftigen und Angehörigen in Deutschland: Die Kosten für Heimplätze steigen von Jahr zu Jahr. Manch einer gerät dadurch in finanzielle Bedrängnis. Um diesen Engpässen entgegenzuwirken, wurde vor 25 Jahren die gesetzliche Pflegeversicherung eingesetzt. Diese ist eine Teilversicherung, welche die Kosten nur bis zu einer bestimmten Summe übernimmt. Darin liegt ein Problem: Der Zuschuss ist ein fixer Betrag, der seit 2017 nicht mehr angehoben wurde. Alle Preiserhöhungen, die ein Pflegeheim vornimmt, fallen als Eigenanteil für den Pflegebedürftigen an. Derzeit liegt der durchschnittliche Eigenanteil bei knapp 1.900 Euro – eine Summe, die viele Betroffene allein mit ihrer Rente nicht stemmen können.
Ende des Jahres 2019 betrug die Preiserhöhung von Heimplätzen 200 bis 600 Euro im Monat pro Bewohner. Ein Teil der Heimkosten entsteht durch Erneuerungen am Gebäude oder Anschaffungen, wie zum Beispiel neue Möbel oder ein neuer Fußboden. Ein anderer Teil wandert in die Verpflegung, viele Pflegeheime haben eine eigene Küche mit angestellten Köchen. Den größten Teil bekommt die Pflege: Etwa 70% der Heimkosten werden als Löhne an das Pflegepersonal gezahlt. Das ist auch nötig: Seit Jahren echot durch die Medien, dass zu wenige Pflegekräfte in Heimen tätig sind.

Unterschiede in der Entlohnung von Altenpflege und Krankenpflege

Zitat: Wenn ich eine Familie ernähren müsste, dann würde ich nicht in die vollstationäre Pflege gehen. - Leonard C.
„Für eine Schicht im Wohnheim gibt es meist zu wenige Mitarbeiter“, erzählt Pfleger Leonard C.*. „Vor allem Demenzkranke brauchen oft viel Hilfe. Das ist zeitaufwändig und mit wenigen Mitarbeitern kaum zu bewerkstelligen.“ Leonard C. hat seine Ausbildung in einem Pflegeheim absolviert und wechselte gleich danach in die häusliche Pflege. Für ihn stand früh fest, nicht langfristig in einem Pflegeheim arbeiten zu wollen. Dort sei die Arbeit zu hektisch, körperlich anstrengend und seelisch belastend. Der 32-jährige bereut seine Entscheidung nicht, wenn er mit seinen ehemaligen Kollegen über die derzeitigen Bedingungen und die Bezahlung spricht. Die sei bei weitem nicht auf dem Niveau, das der Arbeit angemessen wäre: „Wenn ich eine Familie ernähren müsste, dann würde ich nicht in die vollstationäre Pflege gehen.“
Als ambulanter Pfleger verdiene man in aller Regel auch nicht mehr, allerdings sei die Arbeit stressfreier und die Belastung nicht vergleichbar mit der Arbeit im Heim. Überhaupt müsse der Beruf des Pflegers finanziell attraktiver gestaltet werden, damit vor allem junge Menschen diesen Berufszweig wählen, meint Leonard C. Nach der dreijährigen Ausbildung zur Pflegefachkraft können die Berufsanfänger heute entscheiden, ob sie im Pflegeheim oder im Krankenhaus arbeiten. Im Krankenhaus lassen sich derzeit 500 bis 600 Euro monatlich mehr verdienen. Heime müssen daher die Einnahmen erhöhen, um in der Arbeitswelt Schritt halten zu können. Aber wie lange kann das gut gehen, wenn die Pflegebedürftigen für diese Mehrkosten aufkommen müssen?

Das Konzept der Pflegefinanzierung befindet sich im Wandel

Zitat: Die gesetzliche Pflegeversicherung war dafür gedacht, den Lebensstandard auch im Falle von Pflegebedürftigkeit zu sichern. - Prof. Dr. Jörg Hallensleben
„Die gesetzliche Pflege­versicherung war dafür gedacht, den Lebens­standard auch im Falle von Pflege­bedürftigkeit zu sichern. Breite Bevölkerungs­schichten sollten nicht in die Sozial­hilfe absinken“, sagt Prof. Dr. Jörg Hallensleben. Er unterrichtet als Professor für Pflege­management, insbesondere Pflege­beratung, an der Apollon Hochschule der Gesundheits­wirtschaft in Bremen. Daneben ist er als Pflege­berater und ambulanter Pfleger tätig. „Damit ich weiß, wovon ich in der Lehre erzähle“, sagt er. Hallensleben beschäftigt sich mit verschiedenen Reform­ansätzen der Pflege­finanzierung, wenn die gesetzliche Pflege­versicherung nicht mehr ausreicht. Denn das Problem liegt nicht allein bei den Heimen und wie sie wirtschaften, es ist vielmehr ein systematisches.
Derzeit wird ein neuer Finanzierungs­ansatz in der Politik diskutiert: Der Sockel-Spitze-Tausch, entwickelt von Prof. Dr. Heinz Rothgang, Gesundheits­ökonom und Professor an der Universität Bremen für die Initiative Pro Pflege­reform. Demnach solle nicht länger derjenige Anteil fix sein, den die gesetzliche Pflege­versicherung bezahle, sondern der Eigen­anteil der Pflege­bedürftigen. Alles, was über diesen fixen Betrag hinausginge, um die Pflege­leistungen zu bezahlen, würde die Pflege­versicherung tragen. „Dann wüsste jeder Bürger genau, welche Pflege­kosten im Alter noch privat zu stemmen wären. Und die private Versicherungs­wirtschaft übrigens auch“, sagt Pflege­management­-Professor Hallensleben.
Zitat: Später könnten die pflegenden Angehörigen dafür gewonnen werden, beruflich in die Pflege zu wechseln - Prof. Dr. Jörg Hallensleben
Zudem enthält das Konzept neue Vorschläge zu Dienst­leistungen und Pflege­geld: Die bisherige Pflege unterscheidet in Pflege­sachleistungen (Hilfe durch einen Pflege­dienst) und Pflege­geld (Aus­zahlung an den Pflege­bedürftigen), die vom Bedürftigen je nach Pflege­grad bezogen werden. Diese Unterscheidung würde entfallen. Stattdessen bekämen die Pflege­bedürftigen Gutscheine ausgehändigt, die sie direkt für die Bezahlung professioneller Pflege­dienste einsetzen könnten. Die Bedürfnisse des Einzelnen ständen damit stärker im Fokus. Übernähmen Laien­kräfte wie Familien­mitglieder die Pflege der Angehörigen, würden sie mit dem sogenannten Pflege­geld 2.0 vergütet. Die Vergütung soll sich an der professionellen Pflege­leistung orientieren: 40 Prozent der Summe, die eine Pflege­fachkraft als Gehalt verdient, werden den Pflege­bedürftigen steuer- und abgabe­frei ausbezahlt. Darin steckt die Chance, den Mangel an Pflege­personal zu beheben: „Später könnten die pflegenden Angehörigen dafür gewonnen werden, beruflich in die Pflege zu wechseln“, so Hallensleben. Die grundlegende Qualifikation hätten sie sich durch ihre persönliche Erfahrung und durch eine begleitende Pflege­beratung angeeignet und könnten nach Schulungs­maßnahmen einen unter­besetzten Berufs­zweig unterstützen.

Zahlen und Fakten zur Pflege und zu Pflegekosten in Deutschland

Zahlen und Fakten zur Pflege und zu Pflegekosten in Deutschland
  • In Deutschland gibt es 3,7 Millionen pflegebedürftige Menschen.
  • 2,9 Millionen Pflegebedürftige werden zu Hause gepflegt.
  • 800.000 Pflegebedürftige leben in Pflegeheimen.
  • Laut Prognosen des Bundesgesundheitsministeriums wird die Zahl der Pflegebedürftigen, die im Pflegeheim leben, bis 2050 auf insgesamt 1,25 Millionen Menschen ansteigen (Anstieg um ca. 60%).
  • Der Bundesdurchschnitt des Eigenanteils an den Pflegekosten beträgt 1.927 Euro.
    Der höchste durchschnittliche Eigenanteil wird in Nordrhein-Westfalen bezahlt: 2.337 Euro.
    Der niedrigste durchschnittliche Eigenanteil wird in Sachsen-Anhalt bezahlt: 1.325 Euro.
  • 17% der Deutschen zwischen 75 und 85 Jahren leben in Pflegeheimen,
    45% der Deutschen zwischen 85 und 90 Jahren leben in Pflegeheimen,
    71% der Deutschen ab einem Alter von 90 Jahren leben in Pflegeheimen.
  • In Deutschland gibt es 14.500 Pflegeheime.
  • Knapp 765.000 Menschen sind in Pflegeheimen angestellt.
  • Seit 2001 eröffnen in Deutschland alle zwei Jahre 600 bis 900 neue Pflegeheime.
  • 2018 investierten die Pflegekassen insgesamt 14,8 Milliarden Euro in Pflegebedürftige, die in Heimen untergebracht sind.

Gute und bezahlbare Pflege betrifft jeden

Zitat: Ich denke, dass durch Corona die Politik aufgewacht ist und verstanden hat, dass sie Geld ins Gesundheitswesen investieren muss. - Leonard C.
Im Bundes­tag wird derzeit über eine mögliche Um­setzung diskutiert. Die Grünen haben den Sockel-Spitze-Tausch in die Politik gebracht, die Linke unterstützt den Vor­schlag. Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn hat bereits deutlich gemacht, dass er mehr Planbarkeit und Verlässlich­keit für die Eigen­anteile von Pflege­bedürftigen will, um sie finanziell zu entlasten. Änderungen in der Pflege­finanzierung hat er für Mitte 2020 angekündigt. Das war jedoch vor der Corona-Pandemie. Des Weiteren plant Spahn, 13.000 neue Stellen in der Pflege zu besetzen und einen Mindest­lohn von 2.500 bis 3.000 Euro zu erwirken. Eine Reform der Pflege­finanzierung kommt so in Sicht.
Auch Pfleger Leonard C. hofft auf einen systematischen Wandel in der Pflege. „Ich denke, dass durch Corona die Politik aufgewacht ist und verstanden hat, dass sie Geld ins Gesundheits­wesen investieren muss.“ Das allein ist ein Anfang, lang­fristig wird eine tiefgreifende Veränderung in der Heim­pflege notwendig sein. Das heißt: Es müssen auch Arbeits­bedingungen geschaffen werden, die Berufs­anfängern eine Karriere in der Pflege schmackhaft machen. Die Menschen werden heute älter, die Zahl der Pflege­bedürftigen steigt: Für das Jahr 2050 werden schätzungs­weise 1,25 Millionen Menschen in Pflege­heimen wohnen – eine Steigerung von 60% im Vergleich zu heute. Eine Menge an Personal, die dieser Heraus­forderung gewachsen ist – und das zu einer gewissen Qualität und zu guten Bedingungen –, muss das langfristige Ziel sein. „Es geht um eine gute und bezahlbare Pflege“, hält Pfleger Leonard C. fest. „Und die betrifft letzt­endlich jeden.“

Finanzielle Unterstützung für die Pflege

Zwar hilft die gesetzliche Pflegeversicherung bei der Finanzierung der Pflege, doch sie übernimmt nur einen Teil der Gesamtkosten. Das können Sie tun, um die Finanzlücke zu schließen:
Pflegezusatzversicherung abschließen

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Die zu zahlenden Kosten für eine Pflege­zusatz­versicherung hängen von Ihrem Alter und Ihrem Gesundheits­zustand bei Abschluss der Versicherung ab. Prinzipiell gilt: Die Pflege­zusatz­versicherung ist eine Risiko­versicherung. Sie bekommen Ihr Geld nicht zurück, sollten Sie nicht pflege­bedürftig werden. Grundsätzlich gibt es drei Versicherungsarten, um die finanziellen Risiken der Pflege abzusichern: die Pflegetagegeldversicherung, die Pflegekostenversicherung und die Pflegerentenversicherung. Berechnen Sie jetzt, wie viel Sie für eine Pflegezusatzversicherung zahlen würden.

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Hilfe zur Pflege vom Sozialamt

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Sollten Sie den Eigenanteil Ihrer Pflege nicht allein stemmen können, haben Sie ein Recht auf Sozialhilfe. Dazu darf Ihr Vermögen die Summe von 5.000 Euro nicht überschreiten. Auch Personen, die keinen Anspruch auf eine gesetzliche Pflegeversicherung haben, können „Hilfe zur Pflege“ beantragen.

Geld anlegen

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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, für die Pflege vorzusorgen. Zur Orientierung hilft es zu wissen, wie hoch ungefähr Ihre Rentenansprüche sind. Hilfreich ist auch eine Investition in eine Lebens- oder Rentenversicherung. Das eigene Ersparte können Sie außerdem frühzeitig anlegen und über einen längeren Zeitraum von den Zinsen profitieren.

Pflegeberatung

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Hilfe leisten diverse Beratungsstellen vor Ort oder auch telefonisch. UKV-Kunden mit einer privaten Pflegezusatzversicherung (PflegePRIVAT Premium oder PflegePRIVAT Premium Plus) können außerdem den PflegePartner der Union Krankenversicherung nutzen. Unsere fachkundigen Berater stehen Ihnen im Pflegefall bei der Organisation und als Ansprechpartner für alle Fragen zur Seite.

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Die zu zahlenden Kosten für eine Pflege­zusatz­versicherung hängen von Ihrem Alter und Ihrem Gesundheits­zustand bei Abschluss der Versicherung ab. Prinzipiell gilt: Die Pflege­zusatz­versicherung ist eine Risiko­versicherung. Sie bekommen ihr Geld nicht zurück, wenn Sie nicht pflege­bedürftig sind. Im Wesentlichen unterteilt sich diese Versicherung in drei Modelle:

  • Pflege­tagegeld: Sie erhalten bei Pflege­bedürftigkeit pro Tag eine feste Summe, die sich an Ihrem Pflege­grad bemisst.
  • Pflege­kosten-Versicherung: Für die vollstationäre Pflege gibt es Tarife, welche die Leistungen der Pflege­versicherung verdoppeln. Werden Sie allerdings zu Hause gepflegt, wird die Aus­zahlung der Versicherung gekürzt.
  • Pflege-Renten­versicherung: Sie erhalten bei Pflege­bedürftigkeit eine monatliche Rente, die sich an Ihrem Pflege­grad orientiert.
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Sollten Sie den Eigenanteil Ihrer Pflege nicht allein stemmen können, haben Sie ein Recht auf Sozialhilfe. Dazu darf ihr Vermögen die Summe von 5.000 Euro nicht überschreiten. Auch Personen, die keinen Anspruch auf eine gesetzliche Pflegeversicherung haben, können  „Hilfe zur Pflege“ beantragen.

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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, für die Pflege vorzusorgen. Zur Orientierung hilft es zu wissen, wie hoch ungefähr Ihre Rentenansprüche sind. Hilfreich ist auch eine Investition in eine Lebens- oder Rentenversicherung. Das eigene Ersparte können Sie außerdem frühzeitig anlegen und über einen längeren Zeitraum von den Zinsen profitieren.

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Hier erhalten Sie Beratung, was Sie tun können. Hilfe leisten diverse Beratungsstellen vor Ort oder auch telefonisch. Der Verband Pflegehilfe bietet schnelle Beratung

*Name von der Redaktion geändert
Veröffentlicht am 03.08.2020