poetry-slam-ukv-2017-buehne
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Urban Elsässer ist Psychologe und leidenschaftlicher Musiker. In seiner Arbeit als Teamcoach verbindet er beides auf professioneller Ebene. Eines seiner Projekte beschäftigt sich mit der Altenpflege und dem Umgang mit Demenzpatienten. Wie der Teamcoaching-Prozess abläuft und was das Besondere an der Musik als Zugang zu Patienten mit demenziellen Erkrankungen ist, erklärt Elsässer im Interview.
Herr Elsässer, was bieten Sie in Ihrem Projekt „Demenz und Musik“ an?

ELSÄSSER: Das Hauptziel ist, eine Kompetenz im Demenzpflegebereich zu entwickeln, um über Musik eine Zustandsverbesserung mit den Gepflegten herzustellen. Die Arbeit mit den Pfleger/-innen ist eine Mischung aus funktionalen und emotionalen Anteilen. Durch die Musik kann man die Kommunikation mit den Patienten und die Abläufe im Pflegealltag verbessern.
Wie gehen Sie vor?
ELSÄSSER: Unser Projekt teilt sich in verschiedene Phasen. Es beginnt mit einem Teamcoaching des Altenpflegeteams. Dabei werden Parameter der Musik klar, also harmonische Strukturen, Spannungszustände oder auch, was verschiedene Rhythmen ausmacht. Im nächsten Schritt gehen wir in den Erstkontakt mit der Großgruppe, meistens sind das nicht so schwer Demente, die noch im sozialen Kontakt stehen. Dieses erste Set dient aber auch den Pfleger/-innen, damit die sehen, was für ein Kontaktangebot Musik überhaupt ist. Manche sind anfangs total verschlossen, blocken ab und müssen sich selbst erstmal auf die Sache einlassen. Wenn das alles funktioniert, kann man sich in einem letzten Schritt auch schwereren Fällen in Einzelsituationen widmen.
Was macht die Musik mit den Demenzkranken?
ELSÄSSER: Wir versuchen viel mit Musik zu arbeiten, die einen Bezug zum Pflegealltag, aber auch zur Biographie der Patienten haben. Manche haben zum Beispiel einen militärischen Bezug, sodass gewisse Marschmusik Bewegungsimpulse unterstützt. Dann kann es passieren, dass ein Patient auf einmal eigenständig ins Bad geht, wenn Marschmusik gesungen wird. Oder wir nehmen Stücke, die sich auf einzelne Handlungen beziehen, wie zum Beispiel etwas mit Wasser beim Waschen. Auch da zeigen die Patienten manchmal von sich aus Impulse und ergreifen zum Beispiel die Initiative sich zu waschen. Uns geht es also darum, die Demenzkranken da abzuholen, wo sie Reaktionen auf bestimmte Rhythmen oder die Musik zeigen. Wenn das Ganze tatsächlich funktioniert, bekommen wir immer die Rückmeldung, dass es extrem unterstützend ist für den Pflegealltag.
Das heißt, es geht darum, die Patienten zu aktivieren, um hervorzuholen, was durch die Krankheit verschüttet wurde?
ELSÄSSER: Ja, man bekommt teilweise Impulse, die die Menschen jahrelang nicht mehr hatten. Auf einmal bewegt sich ein Bein oder zuckt ein Arm. Oder eben, dass sie von sich aus bereit sind, bestimmte Pflegehandlungen über sich ergehen zu lassen. Das Problem an der Demenz ist ja, dass nicht einfach nur ein paar neuronale Verbindungen gekappt werden und die Leute schlicht weniger mitbekommen. Die letzten neuronalen Bahnungen sind zumeist in frühkindlicher Zeit geknüpft und dadurch stark emotionalisiert. 
Wie wirken diese frühkindlichen Erfahrungen?
ELSÄSSER: Frühkindliche Erfahrungen wirken in einer hochsensitiven Phase auf die neuronale Organisation des Gehirns. Das heißt, sie sind stark verbunden mit dem Empfinden der Erfahrungen zu der Zeit, aber zum Beispiel auch mit Bewegung. Im Zustand der Demenz werden diese Erinnerungen durch den Abbau der Hirnsubstanz reaktiviert. Daraus resultiert ein Zurückfallen in einen kindlichen Erlebens- und Verhaltenszustand, das nennt man Regression. Es öffnet sich also eine Art emotionales Fenster bei den Dementen. Ich erlebe da zwei häufige Varianten, einmal die eher aggressiven und dann die hauptsächlich hilflosen Patienten.
Gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an diese „Typen“?
ELSÄSSER: Ein Beispiel ist, dass wir aggressivierte Impulse erstmal spiegeln lassen, also die Pfleger/-innen ahmen die Rhythmen der Patienten nach. Wenn diese Spiegelung funktioniert, dann geht es daran, verschiedene Parameter zu variieren, also den Rhythmus zu verlangsamen, lauter und leiser zu werden. Das dient dazu, kommunikative Angebote zu machen, um zu gucken, ob die Variabilität zunimmt und ein Kontakt zustande kommt. Dafür ist eben die Einführung für das Personal in die Musik so wichtig. Über das eigene Musikmachen lernt man, was Kommunikation in der Musik bedeutet, auf was man achten kann.
Letztlich versuchen Sie also, dem Kontext konstruktiv zu begegnen und im Wortsinne ein bisschen Musik und positives Empfinden in die Situation zu bringen?
ELSÄSSER: Das trifft es ganz gut. Und wenn es richtig gut klappt, dann werden Pflegehandlungen wirklich leichter. Manche werden regelrecht konditioniert auf die Musik. Da müssen die Pfleger/-innen die Lieder nur ansingen und schon stehen die Patienten senkrecht im Bett. Wenn es um die biografische Arbeit am Einzelfall geht, gerate ich aber institutionell oft an Grenzen, weil das recht aufwendig ist. Eigentlich ist es aber die schönste Sache, denn in der 1-zu-1-Situation kann man teilweise auch Schwerdemente noch erreichen.
Die Individualisierung des Konzepts ist vermutlich auch schwierig, weil die Altersbandbreite der Patienten so weit gefasst ist…
ELSÄSSER: Ja, und auch, weil Individualisierung natürlich bedeutet, dass man sich dann dem Einzelnen wirklich intensiv widmet. Dafür fehlen meist die Ressourcen. Das hatten wir bisher ganz selten. Wer sich für das Thema interessiert, sollte sich einmal den Film „Alive Inside“ ansehen. Das ist eine Dokumentation, in der Demenzpatienten auf iPods bestimmte Soundarrangements angeboten bekommen. Da ist zu sehen, was mit wenig Aufwand durch Musik zu erreichen ist. Was da passiert, ist ziemlich beeindruckend.

Urban Elsässer, Psychologe und Musiker, organisiert Musikprojekte mit Demenzkranken. © Gudrun-Holde Ortner

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