• Umdenken in der Medizin - Neuere Formen der Krebstherapie

    Umdenken in der Medizin

    Neuere Formen der Krebstherapie

Jährlich wird in Deutschland bei einer halben Millionen Menschen Krebs diagnostiziert. Bei Patienten sowie Angehörigen löst dieser Befund erst einmal Panik aus. Viele denken an eine Chemo- oder eine Bestrahlungstherapie, an einen verschlechterten Gesundheitszustand während der Behandlung durch Nebenwirkungen, an ausfallendes Haar. Doch Erkenntnisse der Krebsforschung bringen neue Ansätze und Therapieformen mit sich, die das Leid des Patienten besser denn je lindern können. Sie sichern eine noch nicht dagewesene Lebensqualität für Krebskranke über die sogenannte personalisierte Medizin.
Zitat: Das Problem war, dass der Tumor schon gestreut hatte - Lorena
Lorena fährt mit ihrem Auto von ihrem Büro nach Hause, wie jeden Tag. Sie freut sich auf eine Runde Joggen oder Bouldern in der Kletterhalle. In ein paar Tagen beginnt außerdem der Kölner Karneval, dem sie entgegenfiebert. Die 25-jährige Finanzwirtin arbeitet Vollzeit und treibt in ihrer Freizeit viel Sport. Das, obwohl vor zwei Jahren bei ihr Lungenkrebs festgestellt wurde. „Das Problem war, dass der Tumor schon gestreut hatte“, erzählt sie. „In die Lymphen und auch in meine Knochen. Dadurch kam eine Operation oder eine Chemotherapie nicht mehr in Frage.“ Nun nimmt sie jeden Tag Medikamente gegen die Erkrankung. Diese erlauben Lorena, ein normales Leben ohne Einschränkungen zu führen. Zusätzlich geht sie einmal im Monat zum Onkologen. Der führt einen Bluttest durch, erstellt ein EKG und spritzt ihr ein Medikament zur Stabilisierung der Knochen. „Der einzige Unterschied zu der Zeit vor meiner Erkrankung ist, dass ich beim Sport manchmal etwas schneller erschöpft bin. Aber ich kann mich echt nicht beschweren.“
Lorena macht eine zielgerichtete Therapie – oder Englisch: „targeted therapy“. Dabei wird das Wachstum des Tumors gehemmt. Genauer: Ein Wirkstoff unterbricht die Signalübertragungen von Krebszellen und hindert Geschwülste daran, neue Blutgefäße zu bilden. Die Bezeichnung „zielgerichtet“ kommt daher, dass sich der Wirkstoff an der Struktur der Tumorzelle festsetzt und ein Chemotherapeutikum in die Zelle induziert. Anders als bei der normalen Chemotherapie, die neben dem Tumor befindliche Körperzellen ebenfalls schwächt, greift diese Therapieform den Tumor direkt, also gezielt an. Wie genau die Therapie abläuft, entscheidet sich im Einzelfall.

Jeder Tumor ist einzigartig wie ein Fingerabdruck – so muss er auch behandelt werden

Zitat: Wir haben die Möglichkeit, die Tumorzellen mit einem Virus zu infizieren. Dann wird das Immunsystem auch nur diese Tumorzellen angreifen. - Wilifired Stücker
Die Krebsforschung hat entdeckt, dass die Entwicklung einer Wunderwaffe gegen Krebs utopisch ist. Während die Chemotherapie für jeden Patienten die mehr oder weniger gleichen Medikamente verschreibt und nach einem festen Schema abläuft, stellen neuere Formen der Krebstherapie die Einzigartigkeit des Patienten in den Mittelpunkt. „Jede Tumorzelle ist wie der Fingerabdruck einer Person“, erklärt Dr. Wilfried Stücker, Geschäftsführer und Leiter des Immun-Onkologischen Zentrums Köln (IOZK). „Doch während ein Fingerabdruck stabil bleibt, verändert sich der Tumor permanent. Man muss immer schauen: Wohin entwickelt er sich gerade?“
Dr. Stücker und sein Team beraten und behandeln Patienten aus aller Welt in ihrem Zentrum in Köln. Sie sind Vorreiter für die Immuntherapie, eine ebenfalls neuere Therapieform der Krebsbehandlung. Bei der Immuntherapie handelt es sich um keine direkte Krebstherapie – stattdessen hilft sie dem Immunsystem des Patienten, sich gegen den Krebs zu wehren.
In den meisten Fällen geht das Immunsystem des Patienten nicht gegen den Tumor vor, weil es die Krebszellen als körpereigene Zellen einstuft und diese nicht angreift. Daher nutzen die Ärzte einen indirekten Weg, wie Stücker erklärt: „Wir haben die Möglichkeit, die Tumorzellen mit einem Virus zu infizieren. Dann wird das Immunsystem auch nur diese Tumorzellen angreifen.“ Das Immunsystem des Patienten wird quasi auf den Tumor abgerichtet.

Individuelle Therapiestrategien entwickeln, von denen alle Krebspatienten profitieren

Zitat: Ich bin froh, dass meine Ärzte sehr fit waren und mich richtig informiert haben - Lorena
Doch eine Immuntherapie ist aufwendig. Die Krebszellen, die Vorgeschichte des Patienten und sein Gesundheitszustand müssen analysiert und berücksichtigt werden. Basierend auf den Ergebnissen berät sich das Expertenteam rund um Dr. Stücker und entwickelt eine individuelle Therapiestrategie. Der zu verabreichende Wirkstoff richtet sich nach dem einzelnen Patienten. „Darum kann man die Medikamente und die Therapie nicht im Konzern herstellen, die muss individuell geschehen“, sagt Dr. Stücker. Ähnlich verlief es bei Lorena: Die Onkologen schauten sich ihre Krebszellen genau an. Die Beschaffenheit und Struktur des Tumors war ihnen bereits von anderen Patienten bekannt. Das erlaubte den Ärzten, schnell eine Therapie einzuleiten. „Mir wurde ein Medikament verschrieben, das sofort half“, sagt die 25-Jährige. „Ich bin froh, dass meine Ärzte sehr fit waren und mich richtig informiert haben. Mit Anfang 20 weiß man nicht viel über Krebs und der Schock übermannt einen. Ich hätte in der Situation nicht sagen können, was für mich richtig und was falsch ist.“

Neuere Formen der Krebstherapie im Überblick

Die effektivste Therapie für den Patienten hängt von seinem individuellen Tumor und dessen Stadium ab. Faktoren wie die Ausdehnung des Tumors, seine Struktur und seine Metastasen sind ausschlaggebend. Eine Übersicht der neueren Therapieformen:
Zielgerichtete Therapie
  • Mittels Arzneimittel wird das Wachstum sowie die Vermehrung einer Tumorzelle unterbunden. Zu den neueren, zielgerichteten Wirkstoffen zählen die sogenannten Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, welche direkt ein Chemotherapeutikum in die Krebszelle einschleusen und sie dadurch vernichten. Dieser Prozess mindert Nebenwirkungen wie Infektionen oder Haarausfall, die etwa bei einer Chemotherapie auftreten.
    Darüber hinaus lassen sich mit Erkenntnissen der zielgerichteten Therapien Patientengruppen klassifizieren. Wie ihre Therapie genau aussieht, lässt sich mit Hilfe eines diagnostischen Tests bestimmen, den ein Pathologe durchführt. So lassen sich molekularbiologische und genetische Merkmale bestimmen, auf deren Grundlage die geeignete zielgerichtete Behandlung bestimmt wird.
Immuntherapie
  • In der Regel identifiziert das Immunsystem die Tumorzelle als körpereigene Zelle, die nicht angegriffen werden darf. Bei einigen Patienten wird das Immunsystem dennoch aktiv. Hier setzt die Immuntherapie an, die dem Immunsystem hilft, die krebsbefallenen Zellen anzugreifen. Darüber hinaus kann die Immuntherapie jene Immunsysteme, die seine krebsbefallenen Zellen noch nicht angreift, scharf machen und auf die Tumorzellen abrichten. Die Immuntherapie kann auch in Kombination mit der Chemotherapie Anwendung finden. Mittels Chemotherapie kann unterbunden werden, dass der Tumor das Immunsystem schwächt, woraufhin die Immuntherapie zum Einsatz kommt, um gegen die Tumorzellen vorzugehen.
Antihormontherapie
  • Einige Tumore benötigen den Einfluss von Hormonen, um zu wachsen. Können beim Krebs Hormonrezeptoren nachgewiesen werden, ist eine erfolgreiche Behandlung mittels antihormoneller Maßnahme möglich. Durch Medikamente wird der Östrogen- bzw. Testosteronhaushalt des Patienten beeinflusst. Die Therapieform findet oft bei Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs Verwendung.
Stammzelltransplantation
  • Die Stammzellentransplantation kommt vor allem bei der Behandlung von verschiedenen Formen von Blutkrebs zum Einsatz, wie zum Beispiel bei Leukämie. Dafür werden Stammzellen im Knochenmark mit der Chemotherapie zerstört, die normalerweise Blutzellen herstellen. Anschließend werden dem Körper gesunde Stammzellen verabreicht, die sich im Knochenmark ansiedeln und neue Blutzellen bilden.
Hyperthermie Therapie
  • Die Hyperthermie dient zur Steigerung der Effektivität anderer Therapien, wie der Chemo- oder Strahlentherapie. Der Körper oder einzelne Körperteile werden gezielt erwärmt, wodurch die Krebszellen für die begleitenden Therapien empfindlicher werden.
Das zeigt: Die genetischen Analysen einzelner Patienten erweisen sich wiederum für die allgemeine Krebsforschung als dienlich. Sie helfen zur Klassifizierung der Krebserkrankungen, enthüllen ihre Mechanismen und konkretisieren die Diagnosen. Aus tausenden Einzelfällen lassen sich Kategorien der Erkrankung ableiten, die Ähnlichkeiten aufweisen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit der von Ärzten empfohlenen Therapie steigt dadurch. Die Studie Concord-3, welche die Überlebensraten verschiedener Krebsarten in einem Zeitraum von 15 Jahren auffächert, beweist diese Tendenz.

So haben sich die Überlebenschancen für Lungenkrebs in den letzten 15 Jahren verbessert:

Infografik: So haben sich die Überlebenschancen für Krebs in den letzten 15 Jahren verbessert

Überleben mit Krebs - So viele Krebspatienten in Deutschland* lebten fünf Jahre nach der Diagnose noch (Anteil in Prozent):

Infografik: So viele Krebspatienten in Deutschland lebten fünf Jahre nach der Diagnose noch (Anteil in Prozent)
*Ergebnisse der Studie Concord-3: Es wurden Daten von 29,7 Mio. Personen ausgewertet, das sind 36,8% der Bevölkerung. Von diesen erkrankten zwischen 2010 und 2014 1,6 Mio. Menschen an einer der untersuchten Krebsarten.

Eine personalisierte Krebstherapie ist kostspielig

Zitat: Ich kann von Glück reden, dass meine Versicherung alles übernimmt. - Lorena
Ein häufiger Kritikpunkt an der personalisierten Medizin sind die hohen Kosten. Folgt man der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte steht diesbezüglich vor allem die Pharmaindustrie vor großen Herausforderungen. In einer Studie von 2018 sind die Kosten nachzulesen. Die ersten beiden Behandlungszyklen einer Immuntherapie belaufen sich auf ca. 55.000 Euro. Eine ähnliche Form der Immuntherapie mit der Bezeichnung Kymriah kostet sogar über 300.000 Euro.

Ohne Hilfe können sich die meisten Patienten diese Therapieformen nicht leisten. So ist es auch bei Lorena, die eine private Krankenversicherung hat: „Ich kann von Glück reden, dass meine Versicherung alles übernimmt.“ Tatsächlich handelt es sich fast ausschließlich um private Krankenkassen, die ihren Patienten eine der neuen Therapieformen bewilligen. Gesetzliche Krankenkassen richten sich hingegen danach, ob eine Therapie den Leitlinien entspricht. Immun- und gezielte Therapien müssen erst nach diesen Leitlinien geprüft werden. Das nimmt aktuell viel Zeit in Anspruch. Der krebskranke, gesetzlich versicherte Patient kann deshalb meist nur mit einer leitlinienkonformen Therapie behandelt werden, etwa der Chemotherapie.
Immunonkologe Wilfried Stücker sieht das kritisch: „Wenn man alle Patienten nach demselben Schema behandelt, aber nur zehn Prozent schlagen davon an, ist die Effektivität der Behandlung sehr klein.“ Eine personalisierte, auf den Einzelnen zugeschnittene Therapie könne sehr viel effektiver sein. Patienten rät er, die vom Arzt vorgeschlagene Therapie zu hinterfragen, selbst aktiv zu werden und über den Tellerrand zu schauen. Viele Onkologen würden immer noch ausschließlich ältere Therapieformen empfehlen. Der Patient müsse sich informieren und eine Behandlung nach neueren Methoden einfordern.

O-Ton: Dr. Stücker - Als Patient selbst aktiv werden


Ihre Möglichkeiten, nach der Krebs-Diagnose aktiv zu handeln

Bei einer Krebserkrankung handelt es sich für den Patienten um eine lebensverändernde Diagnose. Trotz der Angst vor dem weiteren Verlauf der Krankheit und psychischem Stress muss der Patient Entscheidungen treffen, was Therapie, Lebensgestaltung und Umgang mit den Angehörigen betrifft.
Folgende Maßnahmen können Sie ergreifen:
Zweitmeinung einholen
  • Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung? Welche ist für Sie die ideale und warum? Als Patient können Sie sich informieren und entscheiden. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie der Empfehlung Ihrer Klinik folgen sollten, können Sie bei der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) eine Zweitmeinung einholen. Haben Sie schon eine spezielle Therapieform im Ausblick und wollen in Erfahrung bringen, ob sich die Diagnose für Sie eignet, können Sie über Primomedico Kontakt zu ausgewählten Spezialisten für Diagnose und Untersuchung oder für eine Zweitmeinung aufnehmen.
Beim Infonetz Krebs informieren
  • Das Infonetz Krebs ist ein telefonischer Dienst für Krebskranke. Hier können Sie grundlegende Fragen zum Krankheitsbild Krebs nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Medizin in Erfahrung bringen. Darüber hinaus werden Sie an themenbezogene Anlaufstellen vermittelt und sprechen mit einem Berater, der sich Zeit für Ihr Anliegen nimmt. Die Beratung erfolgt kostenlos und anonym.
Landeskrebsgesellschaften aufsuchen
  • Die 16 Landeskrebsgesellschaften in Deutschland leisten psychosoziale Hilfe und Beratung und vermitteln Sie lokal an eine der 130 deutschlandweiten Beratungsstellen. Darüber hinaus werden Projekte zum Thema Krebs, Prävention und Früherkennung für Patienten und Angehörige initiiert.
Deutsche Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs
  • Auf diesem Beratungsportal finden Sie sozialmedizinische Beratung über Chat, telefonisch oder auch vor Ort. Die Stiftung richtet sich an junge Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren. Gemeinsame Treffen und Unternehmungen regen zum Austausch an. Darüber hinaus fördert die Stiftung die Erforschung von Krebs bei jungen Erwachsenen mit dem Ziel, die Behandlungen, Heilungschancen, Lebensqualität und Zukunftsperspektiven der Patienten zu verbessern.

Idealerweise verordnet jeder Arzt in Zukunft eine Therapie, die anschlägt

Zitat: Gerade bin ich einfach froh, dass ich mein Leben fast genauso leben kann, wie vor der Diagnose.“ - Lorena
Immun- und gezielte Therapien spielen eine immer wichtigere Rolle in der Krebsbehandlung. 2011 wurde der Nobelpreis für Medizin an die Entdeckung der Reaktion des Immunsystems auf Krebszellen vergeben, 2018 für die Erkenntnisse über die Stimulierungsfähigkeit des Immunsystems, Krebszellen gezielt anzugreifen. Heute leben Krebspatienten nach ihrer Diagnose knapp sechsmal länger als noch vor vierzig Jahren. Idealerweise gelingt es der Medizin in Zukunft ausschließlich jene Therapieform beim Patienten einzuleiten, die auch anschlägt und im besten Fall den Krebs sogar heilen kann. Das würde die Wirkstoffe nicht unbedingt günstiger machen, jedoch würden Ärzte erfolglose Therapien sowie Nebenwirkungen und die daraus resultierenden notwendigen Behandlungen umgehen.
Lorenas Lebensqualität ist nun dank medikamentöser Behandlung bestmöglich, ihr Zustand ist konstant. "Heilen kann man den Krebs bei mir nicht“, hält sie fest. Sie ist auf das Medikament angewiesen und wird es den Rest ihres Lebens einnehmen. Allerdings ist nicht klar, ob das Medikament auch immer anschlagen wird. Es befindet sich erst seit Kurzem auf dem Markt, es gibt keine Langzeitstudien. „Ich bin da etwas im Ungewissen“, sagt sie. „Aber die Forschung steht ja nicht still. Wenn es nicht mehr wirken sollte, dann hoffe ich, dass etwas Neues auf den Markt kommt. Gerade bin ich einfach froh, dass ich mein Leben fast genauso leben kann, wie vor der Diagnose.“
Veröffentlicht am 12.03.2020