Albtraum Pflegeheim
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Und plötzlich war nichts mehr so wie davor: Nach einem doppelten Schlaganfall war Friedrich G. noch gerade rechtzeitig in die Stroke Unit – die Intensivstation für Schlaganfallpatienten – in einer Klinik gebracht worden. Dort wurde eine einseitige Lähmung mit Schluckstörungen diagnostiziert. Nach drei Wochen konnte Friedrich G. das Krankenhaus in einem einigermaßen stabilen Zustand verlassen – an eine Rückkehr in die eigene Wohnung war für den 75-Jährigen dennoch nicht zu denken.
Zitat Pflegenotstand Georg Sperrle
In der Zwischenzeit hatte seine Tochter, die in einer weit entfernten Stadt lebt, einen Platz im Pflegeheim besorgt. Zwei Pflegekräfte sorgen für die 26 Patienten der Station, und sie tun ihr Bestes. Sie bringen die Medikamente, sie bringen das Essen, sie waschen ihre Schützlinge, sie wechseln Windeln. Friedrich G. ist wie ein kleines Kind wieder auf fremde Hilfe angewiesen, nur mühsam kann er sich mit der Sprachstörung nach dem Schlaganfall artikulieren. Dann werden die Pfleger, die sich im Minutentakt um die Patienten kümmern müssen, ungeduldig, ihre Zeit ist sehr kostbar. Ab und zu ist das Essen schon kalt, gelegentlich hat Friedrich G. auch den Eindruck, dass mit den Medikamenten nicht alles stimmt, er ist oft müder und schläfriger, als er es gewohnt war. Der 75-Jährige würde sich über Zuspruch freuen, aber dazu haben die Pflegekräfte keine Zeit, und sie können noch nicht einmal etwas dafür.

Reiches Land – und trotzdem Pflegenotstand

Der Einblick in deutsche Pflegeheime sorgt seit Jahren immer wieder für einen Aufschrei. Dann ist die Aufregung kurz einmal groß, dass sich ein so reiches Land ein Pflegesystem leistet, in dem für die Menschen nur das Nötigste getan wird. Die Berichte verängstigen auch Menschen, die noch nicht pflegebedürftig sind: Was passiert, wenn meine Angehörigen oder ich selbst pflegebedürftig werden? Ist das Pflegeheim eine Alternative, wenn ich nicht zu Hause alt werden kann? Und wie finde ich das richtige Pflegeheim?
Fakt ist: In deutschen Pflegeheimen sind es auch heute noch viel zu wenig Hände, die bei den alten und kranken Senioren mit anpacken – selbst wenn der Pflegeschlüssel etwas anderes sagt. Nicht nur nachts, sondern auch tagsüber erfahren die Menschen im Heim nur das Minimum an Betreuung: Es soll sicher zugehen, sie sollen genug zu essen und zu trinken haben und immer möglichst sauber sein. Was den geplagten Pflegekräften chronisch fehlt, ist die Zeit für ihre Schützlinge, für Zuspruch und Zuwendung.
Zitat Pflegenotstand Ulrike
„Die von der Großen Koalition geplanten 8.000 neuen Stellen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, schließlich gibt es bundesweit etwa 12.000 Pflegeheime, die Zahl der Pflegebedürftigen wird bis 2050 auf fünf Millionen steigen“, sagt Georg Sperrle, Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH im unterfränkischen Würzburg. Selbst die geplanten 8.000 Stellen werde man kaum mit Fachkräften besetzen können, geschweige denn eine noch größere Zahl. Dem kann Ulrike Döring, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland e.V. (ADS), nur beipflichten: „Gesellschaft und Politik müssen begreifen, dass eine würdevolle Pflege teurer wird und gleichzeitig für jeden Einzelnen finanzierbar bleiben muss, dass man Pflegeberufe so gestalten muss, dass sie attraktiver werden, im Moment dagegen laufen die Pflegekräfte regelrecht weg.“ Döring weist darauf hin, dass es heute bereits eine hochkomplexe Pflegesituation gebe, viele Pflegebedürftige – etwa Demenzkranke – würden bereits diverse Vorerkrankungen mit den entsprechenden Bedarfen an pflegerischer Behandlung mitbringen: „Die Rahmenbedingungen in der stationären Pflege und der Stellenschlüssel sind vor diesem Hintergrund absolut unzureichend, auch die Leistungsvergütung reicht nicht aus.“

Wie finde ich das richtige Pflegeheim?

Diese Frage werden sich in diesem Jahr schätzungsweise eine Million Menschen stellen, sie möchten wissen, woran man ist, wenn man ein Pflegeheim ins Auge gefasst hat. Tatsächlich aber gibt es noch immer kein vernünftiges Bewertungssystem für Pflegeheime. Als die damalige Bundesregierung 2008 beschloss, unabhängige Qualitätsberichte für die damals etwa 12.000 deutschen Pflegeheime in verständlicher Form veröffentlichen zu lassen, war das Echo positiv. Schließlich gab es ja bereits seit Jahren Begutachtungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), diese Berichte müssten nur vereinheitlicht und gewichtet werden, schon habe man ein transparentes Bewertungssystem.
 
Checkliste: Worauf muss ich bei der Wahl eines Pflegeheims achten?
Infografik So finde ich das richtige Pflegeheim
Grafik: UKV

Pflege-TÜV für Pflegeheime war Fehlkonstruktion

Zehn Jahre später ist die Ernüchterung groß – wobei es schon sehr früh Skepsis gegenüber der regelmäßigen und unangekündigten Kontrolle der Pflegeheime gab, die Aussagekraft wurde von Anfang an angezweifelt. Einzelne MDKs, Verbraucherschützer und selbst einzelne Pflegeheime bemängelten vor allem, dass in dem komplexen Notensystem Missstände eher verschleiert statt offen gelegt würden. Denn bei der Bildung der Durchschnittsnoten in den einzelnen Kategorien konnten gravierende Defizite durch vergleichsweise nebensächliche Unterpunkte ausgeglichen werden. Selbst Pflegeheime, in denen offensichtliche Missstände aufgedeckt wurden, glänzten mit Einser-Noten. 2014 lag der Notendurchschnitt für alle stationären Pflegeeinrichtungen bei 1,3. Das Verfahren hatte keinen Nutzen mehr, der Pflege-TÜV wurde schließlich auf Eis gelegt. Die Pflegenoten waren unbrauchbar, weil sie die tatsächliche Situation in den Pflegeheimen beschönigten und sich Missstände kaum erkennen lassen.

Der „Pflege-TÜV“ – ein Bewertungssystem für Pflegeeinrichtungen

Wer für sich selbst oder einen Angehörigen einen Pflegeanbieter sucht, der wünscht sich vor alle eine gute Versorgung in einem liebevollen Umfeld. Um die Qualität von ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen transparent und vergleichbar zu machen, hat die Bundesregierung 2009 den sogenannten Pflege-TÜV eingeführt. Alle Einrichtungen und Diensten werden regelmäßig einmal im Jahr durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) und den Verband der Privaten Krankenversicherung überprüft. Im Fokus stehen dabei verschiedene Aspekte wie pflegerische Leistungen, Hygiene und die medizinische Versorgung, aber auch die Verpflegung, die Alltagsgestaltung und die Organisation. Die Qualitätsprüfungen in Pflegeheimen finden unangemeldet statt, ambulante Dienste erfahren am Vortag von dem anstehenden Prüftermin. Als Ergebnis werden – angelehnt an das Schulnotensystem – sogenannte Pflegenoten von eins bis fünf vergeben und im Internet veröffentlicht.
Kritik & geplante Überarbeitung
Vom Start weg war der Pflege-TÜV umstritten. Der Kern der Kritik: Die Noten bilden nicht ab, ob eine Einrichtung oder ein ambulanter Dienst tatsächlich hochwertige Pflegeleistungen anbietet – was eigentlich der zentrale Maßstab sein sollte. Der Grund hierfür? Die verschiedenen Teilbereiche, die in die Benotung einfließen, haben dasselbe Gewicht. So zählt etwa der Schutz vor Druckgeschwüren genau so viel wie ein gut lesbarer Speiseplan. Mit Unterstützung der Wissenschaft soll der Pflege-TÜV daher grundsätzlich überarbeitet werden. So sieht es das zweite Pflegestärkungsgesetz vor, das 2016 in Kraft trat, vor. Ziel ist es, für den stationären Bereich 2018 und für den ambulanten Bereich 2019 einen grundlegend neuen Ansatz einzuführen.
Weitere Informationen finden Sie zum Beispiel im Online-Ratgeber Pflege des Bundesgesundheitsministeriums

Der neue Pflege-TÜV wird nun später kommen als geplant, für Pflegeheime voraussichtlich frühestens 2019 und für die ambulanten Dienste 2020. Zuständig für die Erarbeitung des neuen Bewertungssystems ist ein Gremium, das paritätisch mit Vertretern von Pflegekassen und Pflegeeinrichtungen besetzt ist. Den Zuschlag erhielten als Bietergemeinschaft das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld IPW und das Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitssystem AQUA-Institut mit Sitz in Göttingen. Die Wissenschaftler entwickeln derzeit ein von Indikatoren gestütztes Verfahren zur vergleichenden Messung und Darstellung der Qualität für die stationären Pflegeeinrichtungen.

Die Suche nach dem passenden Pflegeheim

Die Kinder von Friedrich G. haben bei der Suche nach einem Pflegeheim noch Glück gehabt, aber das war Zufall. Denn oft muss es sehr schnell gehen, einen Platz im Heim zu finden, so wie bei Friedrich G. nach dem Schlaganfall. Wer ein Pflegeheim sucht, hat heute auch ohne Pflege-TÜV Möglichkeiten, sich bei der Suche zu orientieren. Eine Checkliste findet man beispielsweise im UKV Pflege-Ratgeber oder von der Weißen Liste (PDF).
 
Veröffentlicht am 5.3.2018

IM INTERVIEW: 3 Stimmen zur Pflege-Situation

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