• Albtraum Pflegeheim? Der Alltag im Pflegeheim aus mehreren Perspektiven

    Albtraum Pflegeheim?

    Der Alltag im Pflegeheim aus mehreren Perspektiven

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Das Thema Pflege steht auf der politischen Agenda wieder da, wo es angesichts der Brisanz auch hingehört – nämlich ganz oben. Angestoßen wurde die erneute Diskussion durch die Vereinbarung von CDU/CSU und SPD, im Bereich der Pflege 8.000 neue Vollzeitstellen zu schaffen. Der Kommentar von Experten war einhellig: 8.000 neue Stellen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein – ganz zu schweigen von der Frage, woher man die entsprechend qualifizierten Kräfte überhaupt nehmen solle. Aber wie sieht der Alltag im Pflegeheim tatsächlich aus, warum ist es nötig, nicht nur die Qualitätsmessung, sondern das ganze Pflegesystem auf den Prüfstand zu stellen? Wir haben drei Menschen getroffen, die aus drei unterschiedlichen Perspektiven ihre Sicht der Dinge schildern: Den Pfleger, der mit seinen Kräften häufig am Ende ist, den Geschäftsführer eines kirchlichen Trägers, der die Herausforderungen ebenfalls sehr klar benennt, und schließlich die Vertreterin eines Berufsverbandes, die im Sinne der Beschäftigten Wege aus der Krise der Pflege sucht.

Der Pfleger

Zitat Pflegenotstand Matthias Rohde
Matthias Rohde (Name geändert) arbeitet seit 2003 in Vollzeit als examinierter Altenpfleger in einem unterfränkischen Pflegeheim, die Einrichtung befindet sich in Trägerschaft des Landkreises. „Die Belastung hat sich in den letzten Jahren durch einen insgesamt deutlich zu niedrigen Personalschlüssel stark erhöht“, erklärt der 45-Jährige. In seiner Einrichtung seien in zwei Stockwerken je 13 Plätze belegt, im Frühdienst kümmern sich gerade einmal drei Pflegekräfte um die 26 Personen, im Spätdienst sogar nur zwei, für die Nachtwache seien drei oder vier Pflegekräfte eingeteilt. Die Folge sei eine chronische Zeitnot und Hetze, jeden Tag komme er mit Nervosität und Herzklopfen zur Arbeit, weil man nicht wisse, was einen erwartet. Nach Ansicht Rohdes wären vier Pflegekräfte im Früh- und drei im Spätdienst das absolute Minimum: „Der Anteil der Demenzkranken an den Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich an, was die Belastung zusätzlich erhöht.“ Der Pflegeschlüssel sei ohnehin schon schlecht, aber selbst wenn er erhöht würde, könnte es schwer werden, Pflegekräfte wegen der enormen physischen und psychischen Belastung zu gewinnen. „Ich kann meinen Job definitiv nicht mehr allzu lange ausüben. Eine langwierige Gürtelrose führe ich eindeutig auf den psychischen Stress zurück, dazu kommen Probleme mit der Hüfte vom vielen Laufen und in die Hocke gehen. Wir haben keinen geregelten Arbeitsrhythmus, und eine besondere Belastung ist das sogenannte ‚Einspringen‘“, klagt der 45-Jährige. Dies bedeute, dass man ständig damit rechnen müsse, an den für die Erholung so wichtigen freien Tagen für einen erkrankten Kollegen einspringen zu müssen. Theoretisch könne man die Vertretung ablehnen, man werde aber von der Heimleitung moralisch unter Druck gesetzt, außerdem könne man die Pflegebedürftigen nicht im Stich lassen. Und die Krankenquote sei hoch, im Oktober 2017 lag sie in den Einrichtungen des Landkreises bei 19 Prozent.
Völlig unterschätzt, so Rohde, würden im Arbeitsalltag einer Pflegekraft die zusätzlichen Aufgaben, zum Beispiel die Begleitung von Ärzten bei der Visite ihrer Patienten im Heim: „Demente Menschen beispielsweise können keine qualifizierte Auskunft mehr geben, das muss alles die Pflegekraft machen, sie muss Probleme ansprechen, dokumentieren und vom Arzt unterschreiben lassen.“ Pflegekräfte würden grundsätzlich nicht nur pflegerische, sondern auch viele soziale Betreuungsaufgaben übernehmen, im Notfall müssten sie zudem den ärztlichen Bereitschaftsdienst rufen, im Gehalt spiegelten sich all diese Aufgaben aber überhaupt nicht wieder. „Die Belastung der gesunden Pflegekräfte steigt ständig an und damit die Gefahr, dass auch sie über kurz oder lang krank werden“, so Rohde. Der sogenannte Pflege-TÜV, so Rohde, sei vor diesem Hintergrund natürlich eine Farce gewesen, die Heimleitung würde um jeden Preis versuchen, dem MDK einen intakten Pflegealltag „vorzuspielen“, die „Grundangst“ vor einer schlechten Bewertung sei viel zu hoch gewesen.

Der Träger

Georg Sperrle Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH Würzburg
Georg Sperrle, Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH in Würzburg. Foto: privat
Georg Sperrle ist Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH in Würzburg. Der kirchliche Träger betreibt 14 Pflegeheime in Unterfranken mit insgesamt 1.600 Pflegebedürftigen. Ein Grundproblem, so Sperrle, sei es, dass es noch kein Verfahren zur Personalbemessung in der Pflege gebe, das Grundlage für die Festlegung von Pflegeschlüsseln sei: „Daher ist es wesentlich, ein solches Verfahren zu entwickeln und auf dieser Basis die Personalschlüssel nach oben anzupassen.“ Die geplanten 8.000 neuen Stellen seien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, schließlich gebe es bundesweit etwa 12.000 Pflegeheime und die Zahl der Pflegebedürftigen werde bis 2050 auf fünf Millionen steigen. „Der aktuelle Pflegereport der Bertelsmann-Stiftung geht davon aus, dass schon bis 2030 insgesamt 500.000 Vollzeitstellen in der Pflege fehlen werden. Selbst die geplanten 8.000 Stellen wird man kaum mit Fachkräften besetzen können, geschweige denn eine noch größere Zahl“, warnt Sperrle. Die Caritas, so Sperrle, setze in ihren Einrichtungen bereits den maximal möglichen Personalschlüssel um, dafür seien die Einrichtungen aber auch etwas teurer: „Gute Pflege kostet Geld, muss aber gleichzeitig für die Betroffenen bezahlbar bleiben“, benennt Sperrle das Dilemma, vor dem alle Träger von Einrichtungen stehen, auch in der Pflegeversicherung müsse es daher einen Paradigmenwechsel geben.
Georg Sperrle weist darauf hin, dass der Krankenstand im Pflegebereich doppelt so hoch ist wie in anderen Berufen, Grund sei die große körperliche und psychische Belastung der Mitarbeiter. „Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die im Pflegeberuf aufgehen und dort zufrieden sind“, betont der Geschäftsführer. Die Caritas sei gemeinnützig und versuche, auch vor diesem Hintergrund ihrer Verantwortung gerecht zu werden, auf der anderen Seite gebe es in diesem Bereich börsennotierte Unternehmen „Diese Betreiber müssen Rendite erzielen, Pflege darf aber grundsätzlich nicht dem freien Wettbewerb überlassen werden, den Umgang mit Demenzkranken darf nicht der Markt regeln.“

Zitat Pflegenotstand Georg Sperrle
Der Pflege-TÜV, so Sperrle, sei in der Praxis gescheitert, hier müssten neue Lösungen gefunden werden, um die Qualität der Einrichtungen zu messen und vergleichbar zu machen. Sperrle nennt das von Dr. Klaus Wingenfeld geleitete und in der Entwicklung befindliche Projekt zur Ergebnisqualität in der stationären Altenpflege – also den „neuen“ Pflege-TÜV - sowie das Bewertungskonzept „inQS“ des Kölner Diözesan-Verbandes. „Wie gut gelingt es Pflegeeinrichtungen, die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Selbständigkeit und ihren Fähigkeiten zu unterstützen? Welche Pflegemaßnahmen sind dabei wirksam? Ist das Personal ausreichend und richtig eingesetzt?“ Mit Pflegedaten, die in einer Online-Datenbank ausgewertet werden, sollen die Einrichtungen in die Lage versetzt werden, ihre Pflegequalität gezielt und kontinuierlich zu steigern. „Beim Pflege-TÜV hat der MDK gerade einmal zehn Prozent der Bewohner überprüft, unser Konzept inQS hat alle Pflegebedürftigen einer Einrichtung im Auge“, so Sperrle. Es gehe am Beispiel Schmerzen etwa darum, diese nicht nur abzufragen und zu erkennen, sondern auch wirksam Abhilfe zu schaffen. „Kontrolle heißt nicht automatisch mehr Qualität, verantwortlich dafür ist und bleibt die Einrichtung“, betont Georg Sperrle. Für Angehörige, die oftmals schnell einen Pflegeplatz benötigen würden, bleibe weiterhin der Besuch der Einrichtung sowie das Gespräch mit Menschen, die bereits einen Pflegebedürftigen dort haben, wichtigstes Kriterium bei der Wahl des Pflegeheims.

Der Berufsverband

Ulrike Döring Vorsitzende ADS
Ulrike Döring, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland e.V. (ADS)
Ulrike Döring ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland e.V. (ADS), ein Zusammenschluss von derzeit fünf Schwesternverbänden und Berufsorganisationen, die im Bereich der Diakonie Deutschland organisiert sind. Döring hält die Rahmenbedingungen in der stationären Pflege und den Stellenschlüssel für absolut unzureichend, auch die Leistungsvergütung reiche nicht aus. „Wir haben heute eine hochkomplexe Pflegesituation, viele Pflegebedürftige – etwa Demenzkranke – bringen bereits diverse Vorerkrankungen mit den entsprechenden Bedarfen an pflegerischer Behandlung mit.“ Vor diesem Hintergrund seien die 8.000 geplanten neuen Vollzeitstellen viel zu wenig, schon vor dem für 2020 geplanten neuen bundesweiten Personalbemessungssystem müsse in der stationären Langzeitpflege etwas passieren, auf die derzeitigen Schlüssel müsse „draufgepackt“ werden. Gesellschaft und Politik, so Döring, müssten begreifen, dass eine würdevolle Pflege teurer werde und gleichzeitig für jeden Einzelnen finanzierbar bleiben müsse, dass man Pflegeberufe so gestalten müsse, dass sie attraktiver würden, im Moment dagegen würden die Pflegekräfte regelrecht „weglaufen“.
Zitat Pflegenotstand Ulrike Döring
Falsch sei zudem der Eindruck, dass sich heute niemand mehr auf die Familie in Sachen Pflege verlassen könne. Tatsächlich werde noch nie so viel in Familien gepflegt wie heute, ohne diese Solidarität wäre das System längst zusammengebrochen. Als besondere psychische Belastung für die Pflegekräfte und Gefahr für die Gesundheit sieht auch Ulrike Döring die Notwendigkeit, an freien Tagen immer wieder „einspringen“ zu müssen: „Hier sind auch die Einrichtungen in der Pflicht, ihren Betrieb so zu organisieren, dass die Belastung der Mitarbeiter deutlich reduziert wird.“

Der aktuelle Pflege-TÜV, die nach wie vor stattfindenden Qualitätsprüfungen der Medizinischen Dienste der Krankenkassen, ohne den sich die schwarzen Schafe der Branche zu sicher fühlen würden, so Döring, krankte unter anderem daran, dass die Bildung einer Durchschnittsnote den Eindruck erweckt, man könnte Mängel in der medizinisch-pflegerischen Betreuung mit einem ordnungsgemäßen Speiseplan ausgleichen. „Ein neuer Pflege-TÜV müsste sich mehr am Ergebnis der Pflege und entsprechenden Indikatoren orientieren.“ Auch Döring setzt in dieser Hinsicht große Hoffnungen auf das „Wingenfeld“-Projekt. Döring warnt davor, dass bei jeder Art von Pflege-TÜV bei unzureichender Leistungsvergütung die Jagd nach guten Noten auf dem Rücken der Pflegekräfte stattfinden könnte: „Die Kosten dürfen nicht steigen, die Noten müssen gut sein – und die Pflegekräfte müssen die Zeche dafür mit ihrer Gesundheit bezahlen.“
 
Veröffentlicht am 5.3.2018

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