• Pflege mit Herz - Empathie in den Pflegeberufen

    Pflege mit Herz

    Empathie in den Pflegeberufen

Empathie ist eine häufig geforderte Fähigkeit. In vielen Berufen ist sie von Vorteil, für den Pflegeberuf sogar Voraussetzung. Der „rappende Pfleger“ Ferdi Cebi verbreitet diese Botschaft mit seiner Musik – und lebt danach in seinem Alltag in einem Altenpflegeheim. Er möchte sensibilisieren und andere in ihrem Einfühlungsvermögen unterstützen. Dass man Empathie auch lernen kann, ist mittlerweile wissenschaftlich bestätigt und wird im Forschungsprogramm empCARE untersucht.
Zitat: Ich versuche meine Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Tage zu verteilen. - Ferdi Cebi
Die Szenerie ist aus Rap-Videos bekannt: Ein altes, leerstehendes Fabrikgebäude, Graffitis an der Wand. Zwei junge Männer stehen davor. Doch worüber sie rappen ist unüblich. "Pfleger mit Herz" heißt das Lied, dessen Musikvideo so beginnt. Ferdi Cebi und sein Musikerkollege Dena sind die beiden jungen Männer – und sie singen über ihren Beruf als Pflegefachkräfte.

Ferdi Cebi ist seit über fünfzehn Jahren Altenpfleger im St. Johannisstift Paderborn. Bekannt geworden ist er nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch eine Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. 2017 lud er sie im Rahmen einer Wahlsendung zu einem Besuch in seinem Altenheim ein. Und tatsächlich verbrachte die Bundeskanzlerin einen Vormittag bei Ferdi Cebi im St. Johannisstift und ließ sich den Pflegealltag zeigen. Seitdem gehört der nebenberufliche Musiker zu den bekanntesten Pflegern Deutschlands.

Video: Idref & Dena - Pfleger mit Herz


Zitat: Manche alte Menschen bekommen beispielsweise wenig Besuch oder es kommt zu Erbstreitigkeiten. Das macht manchmal traurig. - Ferdi Cebi
Seine Bekanntheit nutzt er, um seine Botschaft zu vermitteln: Dass wir respektvoll und mitfühlend mit alten und kranken Menschen umgehen sollen. Er selbst bemüht sich, seine Botschaft im Berufsalltag täglich umzusetzen: „Ich versuche meine Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Tage zu verteilen. An einem Tag setze ich mich mal fünf Minuten länger zum einen, am anderen Tag zum anderen Heimbewohner.“ Die Menschen im Altenheim versuche er so zu behandeln, wie er später selbst gerne behandelt werden möchte. Einfühlungsvermögen ist für ihn daher die wichtigste Voraussetzung für einen pflegenden Beruf. In seinem Alltag gibt es viele Situationen, in denen es auf einen empathischen Umgang mit den Heimbewohnern ankommt, erzählt er: „Manche alte Menschen bekommen beispielsweise wenig Besuch oder es kommt zu Erbstreitigkeiten. Das macht manchmal traurig.“
Ferdi Cebi
Foto: Altenpfleger Ferdi Cebi - facebook.com/idrefderdenker

Einfühlungsvermögen als Grundvoraussetzung

Zitat: Wir versuchen es für die Sterbenden so angenehm wie möglich zu machen. - Ferdi Cebi
Das Sterben sei ein Prozess, der besonders viel Mitgefühl erfordere. Ferdi Cebi habe den Umgang mit dem Tod zunächst als schwierig empfunden. Mittlerweile komme er ganz gut damit zurecht: „Wir versuchen es für die Sterbenden so angenehm wie möglich zu machen. Wir setzen zum Beispiel Aromadüfte ein. Vor allem aber schauen wir, dass der Sterbende möglichst keine Schmerzen hat.“

Die Konfrontation mit dem Tod, Hilfsbedürftigkeit und der Umgang mit Ängsten, das sind alltägliche Herausforderungen an die Empathie von Pflegekräften. Krankenhäuser und Altenheime werben daher mit Bildern für neues Pflegepersonal, welche die gesellschaftlichen Erwartungen an Pflegende zum Ausdruck bringen. Da sitzen Pflegerinnen geduldig am Bett eines Patienten, spielen Schach mit einem Heimbewohner oder sind in ein Gespräch mit Angehörigen vertieft. Das Bedürfnis zu helfen ist die Hauptmotivation zum Erlernen eines Pflegeberufs.
Im hektischen Berufsalltag kollidieren die gesellschaftlichen und persönlichen Erwartungen mit herausfordernden Situationen. Das kann Pflegende an ihre Grenzen stoßen lassen. Dann wird sichtbar, dass Empathie auch eine Schattenseite hat. Wenn immer wieder emotionale Überforderung im Umgang mit Patienten, Angehörigen oder Heimbewohnern erlebt wird, kann es zu klassischen Belastungsfolgen wie Berufsunzufriedenheit, psychosomatischen Symptomen oder Burn-out kommen.

Empathie im Überblick

Empathie wird zumeist als Einfühlungsvermögen verstanden: Die Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse des Gegenübers können erkannt und nachempfunden werden. In der neurobiologischen Forschung wird zwischen empathischem Leid und Mitgefühl unterschieden. Es wurde festgestellt, dass diese beiden Komponenten in unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet werden. Empathisches Leid führt zu einer hohen Erregung ungefähr in der Hirnregion, wo beim Rhesusaffen Spiegelneurone gefunden wurden. Mitgefühl kann als Sorge um den anderen verstanden werden, verbunden mit der Motivation zu helfen. Mitfühlendes Handeln setzt voraus, dass das empathische Leid nicht zu sehr ausgeprägt ist: Nur wer beim Anblick eines gebrochenen Beins oder einer sozialen Zurückweisung nicht in Schockstarre gerät, kann mitfühlend reagieren.

Das Training empCARE vermittelt einen gesunden Umgang mit Empathie

Zitat: Wie gehe ich mit emotional schwierigen Situationen so um, dass für alle Beteiligten die bestmögliche Lösung entsteht? - Mariaus Deckers
Das Forschungsprogramm empCARE hat das Ziel, Pflegenden einen gesunden Umgang mit Empathie zu ermöglichen. Vermittelt werden wirksame Anhaltspunkte, um eigene Gefühle und Bedürfnisse in die emotionale Arbeit mit  Schutzbefohlenen zu integrieren. Das Training setzt sich aus kurzen Vortragssequenzen, Gruppen- und Einzelarbeit zusammen. Es sei dabei ausdrücklich erwünscht, dass die Teilnehmer Beispiele aus ihrem eigenen Berufsalltag bearbeiten, sagt Marius Deckers, Psychologe an der Universität Duisburg-Essen und Mitentwickler des Programms: „Bei allen Trainingssequenzen steht immer die Frage im Vordergrund: Wie gehe ich mit emotional schwierigen Situationen so um, dass für alle Beteiligten die bestmögliche Lösung entsteht?“
Gerade in emotional schwierigen Situationen wollten Pflegende zwar zugewandt und einfühlsam reagieren. Aus einem Überforderungsgefühl heraus verhielten sie sich jedoch gegenteilig. Sie würden schroff, unempathisch oder speisten ihr Gegenüber mit Sätzen wie „Kopf hoch“ oder „Wird schon wieder“ ab. Marius Deckers bezeichnet diese Reaktionsweise als empathischen Kurzschluss: „Solche Kurzschlüsse entstehen, wenn starke Gefühle wie Trauer, Verzweiflung oder Angst im Spiel sind. Wenn beispielsweise ein sterbenskranker Patient fragt, ob er wieder lebend das Krankenhaus verlassen wird.“
Das Training fokussiere, dass die Teilnehmenden ein Gespür für solche empathischen Kurzschlüsse entwickelten und lernten, nicht impulsiv mit Pseudo- oder Nicht-Empathie zu reagieren. Dies könne gelingen, wenn auch die eigenen Bedürfnisse wahrgenommen und anerkannt würden. Ein Beispiel: Die Pflegerin könnte bei der Frage eines sterbenskranken Patienten seine Angst wahrnehmen und spüren, dass es ihr selbst einen Stich versetzt. Das könnte sie zum Ausdruck bringen und dadurch würde ein Moment echter Nähe möglich.

O-Ton: Dr. Marius Deckers zum Problem des "empathischen Kurzschluss"


Der Einfluss von Rahmenbedingungen auf Empathie in der Pflege

Zitat: Als wir die Forschungsergebnisse vorliegen hatten, war uns nach Jubeln zumute. - Mariaus Deckers
Die empCARE-Trainings wurden von 2015 bis 2019 wissenschaftlich begleitet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Marius Deckers erinnert sich: „Als wir die Forschungsergebnisse vorliegen hatten, war uns nach Jubeln zumute. Denn sie bestätigten die Effektivität unseres Trainings.“ Tatsächlich ließen sich der Studie zufolge nach Absolvieren des Trainings langfristig Belastungen messbar reduzieren. Auch der Umgang mit Empathie veränderte sich nachweislich.

Die Ergebnisse hätten unabhängig von der Persönlichkeit und den Arbeitsbedingungen der Teilnehmenden Bestand, betont Deckers: „Rahmenbedingungen wie Teamgröße oder die Stimmung im Arbeitsteam haben nach jetzigem Forschungsstand nur einen sehr geringen Einfluss auf den empathischen Umgang mit Patienten, Heimbewohnern oder Angehörigen.“ Damit wolle er den Einfluss von Rahmenbedingungen auf den Berufsalltag von Pflegenden nicht bagatellisieren. Personalmangel, sich ständig ändernde Dienstpläne oder überfüllte Pflegestationen könnten vielmehr das Problem der Pseudo- und Nichtempathie noch verstärken: „Die gute Nachricht ist, dass ein mitfühlender Umgang auch in Stresssituationen gelingen kann.“

Tipps von empCARE-Trainer Marius Deckers

  1. Besonders in emotionalen Situationen: Erstmal tief durchatmen. So lässt sich der Impuls der ersten Reaktion verhindern.“
  2. Was Sie brauchen und wie Sie sich fühlen ist genauso wichtig wie die Emotionen und Bedürfnisse Ihres Gegenübers. Beides wahr- und anzunehmen, ist der Schlüssel für einen mitfühlenden Umgang mit dem anderen, aber auch mit sich selbst.“

Gewaltfreie Kommunikation

Das Forschungsprogramm empCARE basiert auf dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, die von dem Psychologen und Mediator Marshall Rosenberg (1934 - 2015) entwickelt wurde. Die Gewaltfreie Kommunikation setzt sich aus vier Faktoren zusammen: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte.
Infografik: Pflege mit Herz
Quelle: UKV
Zitat: Dank der alten Leute geht es uns so gut in Deutschland. - Mariaus Deckers
Ferdi Cebi führt seinen mitfühlenden Umgang mit den alten Menschen im St. Johannisstift auf die guten Rahmenbedingungen zurück, die dort herrschen. Durch das Etablieren von Alltagsbegleitern habe sich vieles zum Guten gewendet, sodass wieder mehr Zeit für einen Plausch oder ein Spiel mit einem Heimbewohner bleibe. Eine Sache helfe Ferdi Cebi besonders bei den täglichen Anforderungen an seine Empathie: Dankbarkeit. Denn Solidarität und Respekt vor der älteren Generation sind für ihn das Fundament unserer solidarischen Gesellschaft: „Dank der alten Leute geht es uns so gut in Deutschland. Sie haben aufgebaut, wovon wir heute profitieren. Ihnen das durch einen respektvollen und mitfühlenden Umgang ein bisschen zurückzugeben ist das Mindeste, was wir tun können.“
Veröffentlicht am 16.04.2020