• Pflege am Limit - Ist Leiharbeit die Lösung? | Gesundheit aktuell - das Gesundheitsmagazin der UKV

    Pflege am Limit

    Ist Leiharbeit die Lösung?

Zitat: Wir haben einen riesengroßen Personalmangel. - Angela Merkel
Im Sommer 2017 steht Deutschland kurz vor den Bundestagswahlen. In der ARD-Wahlarena meldet sich ein junger Mann. Er macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger und stellt Angela Merkel zur Rede. Im Grundgesetz stehe, dass die Würde des Menschen unantastbar sei: „Jetzt habe ich seit über einem Jahr im Krankenhaus und Altenheim erlebt, dass diese Würde tagtäglich tausendfach verletzt wird.“ Er findet diesen Zustand unhaltbar und sieht den Grund in der Überlastung der Pflege. Angela Merkel gibt zu: „Wir haben einen riesengroßen Personalmangel.“
Auch zwei Jahre später ist der eklatante Fachkräftemangel in der Pflege landauf landab sichtbar: in Altenheimen, in Kliniken und in der ambulanten Pflege. Stationen sind dauerhaft unterbesetzt und die verbleibende Stammbelegschaft muss ein immer höheres Arbeitstempo vorlegen, um die Patienten ausreichend versorgen zu können. Zeit für ein freundliches Wort, ein Gespräch mit Angehörigen oder den Austausch mit Kollegen bleibt dabei kaum. Hinzu kommen eine oftmals schlechte Bezahlung und ein ständiger Wechsel im Dienstplan. So werden beispielsweise Krankenschwestern oder Altenpfleger in ihrer Freizeit angerufen, um teilweise am selben Tag für erkrankte Kollegen einzuspringen.

Leiharbeit in der Pflege – ein neuer Trend?

Dass in dieser Entwicklung auch ein großes Potenzial steckt haben Personaldienstleister entdeckt. Üblicherweise bieten Leiharbeitsunternehmen willkommene Puffer, um kurzfristig Mitarbeiter für eine bestimmte Zeit an Firmen zu „verleihen“, die beispielsweise einen Großauftrag zu bewältigen haben. Für die Leiharbeiter selbst sind sie ein Sprungbrett, um bei guter Leistung eine Festanstellung in einem Unternehmen zu erwirken. In der Pflege hat sich das Prinzip jedoch umgekehrt. Hier sind es die Leiharbeitsunternehmen, die Pflegefachkräfte aus einer unbefristeten Festanstellung abwerben. Denn sie bieten ihren Mitarbeitern etwas, das diese in Krankenhäusern oder Altenheimen schmerzlich vermisst haben: höhere Löhne, Mitspracherecht bei der Erstellung von Dienstplänen und Wertschätzung.
Zitat: Wir hatten dann eine Zeitarbeiterin auf unserer Station und die kam wie gerufen. - Elisabeth Weinschenk
Eine von ihnen ist Elisabeth Weinschenk. Die examinierte Krankenschwester kommt aus der Nähe von Weimar und hat dort viele Jahre auf der neurochirurgischen Station einer Klinik gearbeitet. Schon lange möchte sie etwas anderes machen, ohne die Pflege zu verlassen – etwas, das ihr mehr Flexibilität erlaubt: „Wir hatten dann eine Zeitarbeiterin auf unserer Station und die kam wie gerufen. Ich habe sie ausgefragt und fasste Mut und ließ mich auf das Abenteuer ein mein gewohntes Umfeld zu verlassen.“ Seither ist sie in ganz Deutschland unterwegs. Ihre Einsätze führen sie vom Schwarzwald bis zur Nordsee, von Bayern bis Brandenburg. Meistens verbringt sie mehrere Monate auf einer Station, oft an Orten, von denen sie zuvor noch nie gehört hat.

Leiharbeit in der Pflege: Überblick und Zahlen

Arbeitnehmerüberlassung, häufig auch Leih- oder Zeitarbeit genannt, erlebt in der Pflege einen Boom. Die Zahl der Arbeitskräfte in dem Sektor hat sich zwischen 2005 und 2017 verachtfacht. Gerade in den Ballungszentren melden Kliniken bereits zweistellige Anteile an Leiharbeit in Pflegeteams. Deutschlandweite Einsätze sind die Ausnahme. Die meisten Leiharbeiter in der Pflege arbeiten für einen jeweils befristeten Zeitraum in Kliniken oder Altenheimen einer Region. Sie sind in der Regel bei der Zeitarbeitsfirma festangestellt und beziehen Sozialleistungen wie Kranken- und Urlaubsgeld.
Quelle: Impulspapier „Arbeitnehmerüberlassung in der Pflege“ (Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe)

Positive Erfahrungen mit Leiharbeit

Zitat: Ich finde es aufregend und herausfordernd, immer wieder neue Menschen und Fachgebiete kennenzulernen. - Elisabeth Weinschenk
Für Elisabeth ist es genau das richtige Arbeitsmodell: „Ich finde es aufregend und herausfordernd, immer wieder neue Menschen und Fachgebiete kennenzulernen. Den Dienstplan kann ich mit entscheiden und habe große Freiheiten. So arbeite ich beispielsweise im Winter viel, um in den Sommermonaten auch mal länger am Stück frei zu haben.“ Ihre Zeitarbeitsfirma kennt sie persönlich lediglich vom Vorstellungsgespräch: „Meinen neuen Einsatzort bekomme ich zugeschickt. Daraufhin nehme ich Kontakt mit der Stationsleitung auf. Meistens wird mir ein Mitarbeiter zugeteilt, der mir einen Tag die Abläufe vor Ort erklärt und mich einarbeitet. Dann muss es sitzen. Denn ich komme ja in Einrichtungen, wo die Hütte brennt und ein hoher Personalmangel herrscht – sonst wäre ich nicht dort.“ Meistens ist sie nicht die erste Leiharbeiterin, die auf eine Station kommt. Nicht alle Festangestellten sehen der Zusammenarbeit vorbehaltlos entgegen: „Ich habe schon mit Vorurteilen zu kämpfen. Manche Zeitarbeiter können sich nicht so schnell einarbeiten und das kann zum Problem werden. Denn sie müssen ständig nachfragen und halten den Betrieb auf.“ Die Herausforderung sich in ein neues Team zu integrieren spornt Elisabeth an. Und auch die Wertschätzung ihrer Zeitarbeitsfirma ist eine neue Erfahrung für sie: „Als ich einmal kurzzeitig wechseln wollte, haben sie sofort angerufen und nach den Gründen gefragt. Sie wollten auch wissen, wie sie sich verbessern können, um mich zu halten. Meine Kündigung in der Klinik hat damals niemanden interessiert. Ich musste erst zu einer Zeitarbeitsfirma wechseln um zu erleben, dass sich ein Arbeitgeber um mich bemüht.“

Nachteile von Leiharbeit in der Pflege haben vor allem Patienten

Zitat: Es ist wie eine Abwärtsspirale, die weiter nach unten zieht. - Johanna Knüppel
Auch wenn Elisabeth bisher nur positive Erfahrungen gemacht hat – über die Nachteile von Leiharbeit in der Pflege wird in der Politik seit Monaten heiß diskutiert. Das führt sogar soweit, dass Gesundheitsminister Jens Spahn laut über ein Verbot nachgedacht hat. Diese Idee wurde mittlerweile verworfen, da sie auch verfassungsrechtlich kaum durchführbar wäre. Fakt ist jedoch, dass Leiharbeit in der Pflege keineswegs als der goldene Pfad aus dem Pflegenotstand gilt. Dazu birgt sie zu viele Nachteile, besonders für die Patienten selbst. Johanna Knüppel ist Pressereferentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe und beschäftigt sich seit langem intensiv mit dem Thema: „Gerade die Altenpflege lebt von Beziehungsaufbau. Das ist ja das Zuhause alter Menschen. Wann da jeden Tag fremde Personen auftauchen, die vielleicht alle lieb und freundlich sind, zu denen man jedoch gar nicht die Zeit hat Vertrauen aufzubauen – was ist das für ein Leben?“, fragt sie sich. Doch auch in den Kliniken erweist sich Leiharbeit als problematisch: „Die Leiharbeiter kennen nicht die Abläufe und wissen beispielsweise auch oft nicht, wo Dinge gelagert sind. Gerade in der Intensivmedizin, in der es oft um Sekunden geht, ist das mit vielen Risiken verbunden.“ Dabei hat sie durchaus großes Verständnis für die Pflegefachkräfte, die in die Leiharbeit oder auch Teilzeit wechseln: „Es ist wie eine Abwärtsspirale, die weiter nach unten zieht. Diejenigen, die man braucht, verweigern sich. Sie können auch nicht anders als sich entziehen, denn wer auf sich achten und sein Privatleben schützen will, muss im Grunde den Ausstieg wagen. In der Leiharbeit können sie die Bedingungen selbst bestimmen.“

O-Ton: Johanna Knüppel über die Konsequenzen der Leiharbeit in der Pflege


Auf einen Blick: Vor- und Nachteile von Leiharbeit in der Pflege

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Vorteile

  • Attraktivere Rahmenkonditionen: zum Beispiel Mitbestimmung bei der Erstellung von Dienstplänen und oftmals übertarifliche Löhne
  • Kennenlernen von verschiedenen Einrichtungen und Stationen
  • Eventuell eine geringere psychische Belastung durch wechselnde Einsatzorte und einhergehender emotionaler Distanz
Icon Nachteile

Nachteile

  • Fehlende Kontinuität für die Menschen mit Pflegebedarf
  • Spannungen innerhalb des Teams: die Stammbelegschaft muss in der Regel unattraktivere Dienste abdecken und ständig neue Mitarbeiter einarbeiten
  • Verminderung der Versorgungsqualität
  • Hohe Kosten für die Einrichtungen
  • Fehlende Teamzugehörigkeit und ständige Anpassungsleistung der Leiharbeitnehmer

Und jetzt? Mögliche Wege aus dem Pflegenotstand

Zitat: Gelingen kann der Weg aus dem Pflegenotstand nur, wenn alle an einem Strang ziehen. - Alexander Jorde
Das Problem: Wenn Pflegefachkräfte aufgrund der besseren Rahmenbedingungen zur Zeitarbeit wechseln, verlieren die Einrichtungen noch mehr feste Mitarbeiter. Das verbleibende Stammpersonal muss noch häufiger spontan einspringen, unattraktive Schichten wie Nacht- oder Wochenenddienste übernehmen und noch schneller arbeiten. Wo aber ist der Ausweg aus diesem Dilemma? Johanna Knüppel hat eine klare Vorstellung: „Die heutige Position der Arbeitgeber ist nachvollziehbar: Sie möchten gerne einstellen, finden aber niemanden. Sie müssen sich an die eigene Nase fassen und sehen, wie sie die letzten Jahre agiert haben. Da ging es nämlich um nichts anderes als Sparen am Personal. Wenn die Einrichtungen nicht ihre Arbeitsbedingungen ändern, werden die Pflegefachkräfte nicht zurückkommen. Sie haben ihren Marktwert erkannt und das ist gut so. Der Arbeitgeber muss nun in Vorleistung gehen.“ Das kann auch bedeuten, dass Kliniken und Altenheime ganze Stationen schließen und das Personal umstrukturieren, damit sie wieder ein normales Arbeitstempo und verlässliche Arbeitszeiten anbieten können. Auch die Nachwuchsbindung hält Johanna Knüppel für sehr wichtig: „Das beginnt mit einer qualitativ guten und wertschätzenden Ausbildung.“
Zu diesem pflegerischen Nachwuchs gehört auch Alexander Jorde, der angehende Krankenpfleger aus der ARD-Wahlarena 2017. Er hat sich mit den Antworten der Bundeskanzlerin nicht zufrieden gegeben und dieses Jahr ein Buch veröffentlicht. Kranke Pflege heißt es und bietet neben einer Analyse des Pflegenotstands auch Ideen, wie dieser behoben werden könnte. Darin heißt es: „Gelingen kann der Weg aus dem Pflegenotstand nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Pflegekräfte, Politiker, Arbeitgeber und jeder Einzelne von uns – als Bürger dieses Landes und potentieller Patient.“

Alternativ-Modell: Direkt­vermittlung zwischen Pflege­kraft und Ein­richtung

GigWork ist eine Onlineplattform, die einen direkten Kontakt zwischen Arbeitgeber und interessierter Pflegefachkraft herstellt. Diese führt zu einer Direktanstellung mit kurzer Laufzeit und attraktivem Gehalt. Damit ist GigWork eine digitale Alternative zur Zeitarbeit, um kurzfristige Personalausfälle zu kompensieren.
Veröffentlicht am 20.11.2019

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